Kreativität und Gehirn

Warum Kreativität auf Kommando so schlecht funktioniert, warum Gruppen weniger Ideen haben als ihre Mitglieder und warum die beste Idee oft in der Pause kommt

„Jetzt seid mal kreativ.“ Und zwölf Menschen starren aufs Flipchart.

Brainstorming, zehn Minuten, alle zusammen. Die ersten drei Minuten sind still. Dann legen die zwei Lautesten los, der Rest nickt, eine schreibt mit. Am Ende hängen sieben Ideen am Flipchart, vier davon vom selben Teilnehmer. In der Kaffeepause, auf dem Weg zur Kaffeemaschine, sagt eine Teilnehmerin, die vorher kein Wort gesagt hat: „Mir ist gerade noch was eingefallen.“ Und es ist die beste Idee des Vormittags.

Das ist kein Zufall. Fast alles an dieser Szene widerspricht dem, was die Forschung über Kreativität weiß. Ideen auf Kommando, alle gleichzeitig, im Sitzen, ohne Anlauf: Das ist ungefähr das Gegenteil der Bedingungen, unter denen Einfälle entstehen. Und wer danach sagt „Ich bin halt nicht kreativ“, zieht den falschen Schluss.

Nicht rechts, nicht links: Kreativität ist Teamarbeit im Gehirn

Hartnäckig hält sich die Vorstellung, Kreativität sitze in der rechten Gehirnhälfte und Logik in der linken. So einfach ist es nicht. Roger Beaty und sein Team an der Harvard University haben bei 163 Menschen die Hirnaktivität gemessen, während sie sich ungewöhnliche Verwendungen für Alltagsgegenstände ausdachten. Bei den kreativsten Köpfen arbeiteten drei große Netzwerke besonders eng zusammen. Eines ist für freies Assoziieren und Gedankenschweifen zuständig, eines filtert, was Aufmerksamkeit verdient, und eines bewertet und arbeitet aus.

Das Bemerkenswerte: Diese Netzwerke arbeiten normalerweise eher gegeneinander. Kreative Menschen scheinen sie gleichzeitig nutzen zu können. Kreativität ist also keine Region, sondern ein Zusammenspiel, und zwar eines aus Loslassen und Prüfen. Genau deshalb hilft es so wenig, beides gleichzeitig von einer Gruppe zu verlangen, die gerade unter Zeitdruck vor einem leeren Flipchart steht.

Warum die Gruppe weniger Ideen hat als ihre Mitglieder

Brainstorming gilt als die kreative Gruppenmethode schlechthin. Die Forschung sieht das seit Jahrzehnten nüchterner. Michael Diehl und Wolfgang Stroebe haben in den 1980er-Jahren verglichen: Gruppen, die gemeinsam brainstormen, gegen gleich viele Menschen, die allein Ideen sammeln und sie danach zusammenlegen. Die Einzelnen kamen zusammen auf mehr Ideen. Und nicht nur auf mehr, sondern in vielen Studien auch auf bessere.

Den Hauptgrund konnten die beiden in einem Experiment direkt nachweisen: Es kann immer nur eine Person sprechen. Alle anderen warten, merken sich ihre Idee, verlieren sie oder halten sie zurück, weil das Gespräch schon woanders ist. Ein weiterer Befund passt genau zur Szene oben: Allein die Erwartung, dass die eigenen Ideen bewertet werden, senkte die Zahl der Ideen messbar. Wer Angst hat, sich zu blamieren, sortiert schon im Kopf aus.

Die Stillen in der Gruppe sind also oft nicht ideenlos. Sie kommen nur nicht zum Zug. Mehr dazu in Warum Lernende schweigen – und was im Kopf wirklich passiert.

Die Idee kommt, wenn man aufhört

Dass Einfälle in der Dusche, beim Spazierengehen oder kurz vor dem Einschlafen kommen, kennt fast jede:r. Die Forschung nennt das Inkubation: Man legt ein Problem zur Seite, und danach geht es oft besser. Ut Na Sio und Thomas Ormerod haben dazu 117 Studien ausgewertet. Der Effekt ist real, wenn auch nicht riesig. Am stärksten profitierten Aufgaben, bei denen viele Ideen gefragt sind. Zwei Details sind für den Seminarraum besonders spannend: Die Pause wirkte stärker, wenn sich die Menschen vorher länger mit dem Problem beschäftigt hatten. Und eine leichte Nebenbeschäftigung in der Pause half oft mehr als eine anstrengende.

Benjamin Baird und sein Team an der University of California in Santa Barbara haben genau das genauer untersucht. Ihre Versuchspersonen sollten sich ungewöhnliche Verwendungen für Gegenstände ausdenken, dann folgte eine Pause. Wer in der Pause eine anspruchslose Aufgabe erledigte, bei der die Gedanken wandern konnten, kam danach bei denselben Problemen auf deutlich mehr Ideen. Wer eine anspruchsvolle Aufgabe bekam, sich nur ausruhte oder gar keine Pause hatte, verbesserte sich nicht. Bemerkenswert: Die Menschen hatten in der Pause nicht bewusst über die Aufgabe nachgedacht. Ihre Gedanken waren einfach gewandert.

Die Teilnehmerin auf dem Weg zur Kaffeemaschine hat also genau das Richtige getan. Erst hat sie zehn Minuten mitgedacht. Dann hat sie losgelassen. Warum Pausen für das Gehirn generell so wichtig sind, steht in Warum Pausen so wichtig für das Gehirn sind.

Ideen haben Beine

Marily Oppezzo und Daniel Schwartz von der Stanford University haben in vier Experimenten mit 176 Menschen getestet, ob Gehen kreativer macht. Ihre Teilnehmenden sollten sich ungewöhnliche Verwendungen für Alltagsgegenstände ausdenken, mal im Sitzen, mal beim Gehen. Beim Gehen kamen im Schnitt rund 60 Prozent mehr kreative Ideen zustande. Und zwar nicht nur draußen in der Natur, sondern sogar auf einem Laufband vor einer leeren Wand. Der Effekt hielt sogar noch kurz an, wenn sich die Menschen nach dem Gehen wieder hinsetzten.

Eine Einschränkung ist wichtig: Gehen half beim Sammeln vieler Ideen. Bei Aufgaben mit genau einer richtigen Lösung half es kaum. Gehen ist also ein Werkzeug fürs Öffnen, nicht fürs Entscheiden. Warum Bewegung im Seminar generell mehr bewirkt, als man denkt, steht in Kippeln ist was Tolles.

So holst du Ideen in den Seminarraum

Erst allein, dann zusammen. Lass alle zuerst still für sich Ideen notieren, auf Karten oder Zetteln. Erst danach wird gesammelt und gemeinsam weitergedacht. So kommt niemand zu kurz, und die Stillen bringen ihre Ideen mit, statt sie im Kopf zu verlieren.

Erst Anlauf, dann Pause. Die Pause wirkt am besten nach echter Beschäftigung mit dem Problem. Stell die kreative Aufgabe also vor die Kaffeepause, nicht danach. Und frag nach der Pause noch einmal nach: „Ist jemandem noch etwas eingefallen?“

Schick die Gruppe gehen. Ein Ideenspaziergang zu zweit, zehn Minuten über den Flur, den Hof oder einmal um den Block. Danach wird notiert. Für Entscheidungen setzt ihr euch wieder hin.

Trenne Ideen und Bewertung. Wer gleichzeitig Ideen sammeln und bewerten soll, sammelt weniger. Mach die Bewertung zu einem eigenen Schritt, später. Bekannte Kreativitätsmethoden wie die Walt-Disney-Methode bauen genau auf diesem Prinzip auf: erst träumen, dann prüfen, dann kritisieren.

Was die Forschung trägt – und was nicht

Die meisten Studien zu Kreativität arbeiten mit Laboraufgaben, vor allem mit der Frage nach ungewöhnlichen Verwendungen für Alltagsgegenstände. Und die Teilnehmenden waren oft Studierende. Ob sich das eins zu eins auf ein Strategie-Seminar im Unternehmen übertragen lässt, ist offen. Der Inkubationseffekt ist gut belegt, aber eher klein bis mittelgroß und hängt stark von der Aufgabe ab. Beatys Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen Gehirnvernetzung und Kreativität, aber keinen Weg, diese Vernetzung gezielt zu trainieren. Und bei Brainstorming gibt es auch Stimmen, die sagen, dass gut angeleitete Gruppen deutlich besser abschneiden als die Gruppen in den klassischen Experimenten.

Zusammen ergibt sich trotzdem ein klares Bild: Kreativität braucht Anlauf, Ruhe für sich, Bewegung, und Abstand zur Bewertung. Die Tipps oben sind daraus abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.

Fazit

„Ich bin nicht kreativ“ ist meistens kein Urteil über einen Menschen, sondern über die Situation, in der er es versucht hat. Kreativität auf Kommando funktioniert schlecht. Kreativität mit Anlauf, Pause und Bewegung funktioniert erstaunlich gut. Die beste Idee des Vormittags kam auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Vielleicht gehört der Weg zur Kaffeemaschine einfach mit ins Seminar.


Mehr dazu im Gespräch

Wie Stress die Kreativität bremst, warum Pausen uns in kreative Zustände versetzen, was es mit dem Mythos von der rechten und linken Gehirnhälfte auf sich hat und warum Rituale beim kreativen Arbeiten helfen: Darüber habe ich mit Stephanie Hüllmann und Nina Gebke im Podcast Atelier-Talk gesprochen. Zur Folge #40: Claudia Böschel und das Gehirn

Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?

Wie Gruppen so geführt werden, dass alle zu Wort kommen und Ideen nicht im Kopf hängen bleiben, ist Thema von Gruppendynamiken. Wie Bewegung, Pausen und Raum zur Lernbedingung werden, vertiefen wir in Gehirneffizientes Lehren.

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Passend dazu: Warum Lernende schweigen – und was im Kopf wirklich passiert, Warum Pausen so wichtig für das Gehirn sind und Kippeln ist was Tolles

Literatur

Studien und Übersichten

  • Beaty, R. E., Kenett, Y. N., Christensen, A. P., et al. (2018). Robust prediction of individual creative ability from brain functional connectivity. PNAS, 115(5), 1087–1092. doi.org/10.1073/pnas.1713532115 (USA)
  • Oppezzo, M., & Schwartz, D. L. (2014). Give your ideas some legs: The positive effect of walking on creative thinking. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 40(4), 1142–1152. doi.org/10.1037/a0036577 (USA)
  • Baird, B., Smallwood, J., Mrazek, M. D., Kam, J. W. Y., Franklin, M. S., & Schooler, J. W. (2012). Inspired by distraction: Mind wandering facilitates creative incubation. Psychological Science, 23(10), 1117–1122. doi.org/10.1177/0956797612446024 (USA)
  • Sio, U. N., & Ormerod, T. C. (2009). Does incubation enhance problem solving? A meta-analytic review. Psychological Bulletin, 135(1), 94–120. doi.org/10.1037/a0014212 (Großbritannien)

Grundlagenforschung

  • Diehl, M., & Stroebe, W. (1987). Productivity loss in brainstorming groups: Toward the solution of a riddle. Journal of Personality and Social Psychology, 53(3), 497–509. doi.org/10.1037/0022-3514.53.3.497 (Deutschland)