Warum dieselbe Methode bei der einen Trainerin funktioniert und bei der anderen kippt, was die Forschung über Begeisterung, Nähe und Humor weiß und warum Präsenz etwas anderes ist als eine perfekte Show
Dieselbe Methode. Zwei völlig verschiedene Seminare.
Zwei Trainerinnen. Dasselbe Konzept, dieselben Folien, dieselbe Übung für den Nachmittag.
Bei der einen steht die Gruppe nach der Übung auf, diskutiert weiter, lacht und will gar nicht in die Pause. Bei der anderen schaut die Gruppe auf die Uhr, macht pflichtschuldig mit und fragt um halb vier, ob man heute vielleicht etwas früher Schluss machen kann.
Die Methode war dieselbe. Die Trainerin nicht.
Es liegt an etwas, das in keinem Methodenbuch steht: wie die Person vorne im Raum ist. Wie sie spricht, wie sie schaut, wie sie reagiert, wenn etwas schiefgeht. Die Gruppe lernt nicht nur von deinen Folien. Sie liest dich.
Begeisterung steckt an. Langeweile auch.
Anne Frenzel und ihr Team, unter anderem an der LMU München und der Universität Konstanz, haben untersucht, ob die Freude von Lehrkräften auf ihre Klassen überspringt. Sie tut es. Lehrkräfte, die selbst Freude am Unterrichten hatten, hatten Klassen, die mehr Freude am Fach hatten. Auch dann, wenn man berücksichtigte, wie sehr die Schüler das Fach vorher schon mochten. Der Übertragungsweg war die sichtbare Begeisterung im Unterricht.
Eine spätere Studie des Teams zeigt: Es funktioniert auch andersherum. Begeisterte Lernende stecken die Lehrenden an. Ein Kreislauf. Und wer ihn anwirft, ist meistens die Person vorne.
Das heißt nicht, dass du sieben Stunden durchstrahlen musst. Das wäre auch für alle Beteiligten anstrengend. Es heißt nur: Wenn du selbst nicht mehr weißt, warum dein Thema spannend ist, wird es die Gruppe auch nicht herausfinden.
Nähe wirkt. Bis sie aufdringlich wird.
In der Kommunikationsforschung heißt das, was eine Trainerin nahbar macht, Immediacy, also Unmittelbarkeit. Blickkontakt. Ein Lächeln. Eine offene Haltung. Durch den Raum gehen. Leute mit Namen ansprechen. Etwas von sich erzählen. Paul Witt, Lawrence Wheeless und Mike Allen haben dazu 81 Studien mit über 24.000 Teilnehmenden ausgewertet. Je nahbarer Lehrende wirken, desto positiver stehen Lernende zum Fach und zur Lehrperson. Und desto mehr glauben sie, gelernt zu haben.
Beim tatsächlich messbaren Lernen ist der Effekt kleiner. Nähe wirkt vor allem über die Motivation: Wer sich gesehen fühlt, bleibt dran, fragt nach, macht mit. Und, auch das zeigt die Forschung: Mehr ist nicht automatisch besser. Irgendwann wird aus nahbar aufdringlich. Wer jedem Teilnehmer beim Erklären die Hand auf die Schulter legt, hat das Optimum überschritten.
Souverän ist nicht dasselbe wie präsent.
Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick. Im Artikel Lernen ist kein Entertainment habe ich die Studie von Shana Carpenter beschrieben: Eine souverän und flüssig vortragende Dozentin wurde deutlich besser bewertet. Gelernt haben die Studierenden bei ihr aber nicht mehr als bei einer unsicheren. Eine glatte Performance ist also noch kein Lernerfolg.
Präsenz heißt deshalb nicht, perfekt zu wirken. Es heißt, wirklich da zu sein. Merken, wenn die Gruppe abdriftet. Sehen, wer gerade etwas sagen will und sich nicht traut. Den Plan über Bord werfen, wenn er nicht mehr passt.
Eine Trainerin mit Präsenz kann sich versprechen, den Faden verlieren und das Flipchart umwerfen. Die Gruppe bleibt trotzdem bei ihr. Weil sie spürt: Die ist bei uns. Nicht bei ihren Folien.
Ich habe für mich zwei ziemlich zuverlässige Warnsignale. Das erste: Ich rede schneller. Dann weiß ich, ich bin gerade bei meinem Plan und nicht mehr bei der Gruppe. Das zweite ist noch banaler. Ich merke plötzlich, dass ich seit Stunden nichts getrunken habe und selbst dringend eine Pause bräuchte. Wenn ich mich selbst nicht mehr spüre, spüre ich die Gruppe meistens auch nicht mehr. Dann hilft kein Methodenwechsel. Dann hilft ein Glas Wasser. Für alle.
Die Pause ist das lauteste Werkzeug, das du hast.
Bei der Stimme denken die meisten an Lautstärke und Deutlichkeit. Wichtig. Aber das wirksamste Werkzeug ist oft die Stille dazwischen.
Die Bildungsforscherin Mary Budd Rowe hat gemessen, dass Lehrende nach einer Frage meist weniger als eine Sekunde warten. Wer drei Sekunden durchhält, bekommt mehr, längere und durchdachtere Antworten. Auch von denen, die sonst nie etwas sagen. Mehr dazu im Artikel über den Gruppenstart im Seminar.
Pausen wirken aber nicht nur nach Fragen. Eine Pause vor einem Satz macht ihn wichtig. Eine Pause nach einer überraschenden Aussage lässt sie wirken. Und wer eine unruhige Gruppe zurückholen will, wird meistens lauter. Wirksamer ist leiser. Wer sich anstrengen muss, um zuzuhören, hört genauer hin.
Ich spiele ganz bewusst mit meiner Stimme und mit Pausen. Das ist ein großes Thema, weil so vieles gleichzeitig zählt. Ein Moment ist mir aber besonders wichtig: wenn jemand versucht, meine Autorität zu untergraben. Hinten lehnt sich jemand zurück und sagt laut: „Das haben wir doch alles schon gehört.“ Die naheliegende Reaktion wäre, lauter und schneller zu werden. Ich mache das Gegenteil. Ich spreche tiefer, aus dem Bauch. Ich gehe ein bisschen mehr in die Knie, um mich zu erden. Die Kraft geht raus aus dem Körper, die Ruhe kommt rein. Und die Gruppe merkt: Hier wackelt nichts.
Außerdem wechsle ich gern meinen Platz im Raum. Wir speichern den Raum nämlich immer mit ab. Wer etwas am Fenster gehört hat, erinnert sich anders als an etwas, das vorne am Flipchart passiert ist. Mehr dazu im Artikel über Lernräume. Und wenn ich auf einmal hinten stehe, muss sich die Gruppe umdrehen. Das bringt Bewegung in den Körper und fordert nebenbei das Gleichgewicht. Für eine Gruppe, die seit zwei Stunden in dieselbe Richtung schaut, ist das schon fast ein Kurzurlaub.
Lach über die Situation. Nie über Menschen.
Humor im Seminar ist kein Selbstzweck. Aber er kann eine Menge. Sonja Bieg und Markus Dresel von der Pädagogischen Hochschule Weingarten und der Universität Augsburg haben untersucht, welche Art von Humor bei Lernenden wie ankommt. Humor, der zum Inhalt gehört, ging mit mehr Freude am Lernen einher. Auch kleine Späße am Rand und Selbstironie können die Beziehung zur Lehrperson stärken. Aggressiver Humor dagegen, also Spott und Witze auf Kosten anderer, wirkt genau in die Gegenrichtung.
Eine große amerikanische Übersichtsarbeit über vier Jahrzehnte Humorforschung im Unterricht kommt zum selben Schluss: Humor kann eine Gruppe zusammenschweißen, Spannung lösen, Kritik abfedern. Wer aber über andere lacht, verliert Glaubwürdigkeit. Und zwar schneller, als man sie sich zurückholt.
Der israelische Psychologe Avner Ziv hat einen Statistikkurs ein ganzes Semester lang mit Humor unterrichten lassen, der sich direkt auf den Stoff bezog. Die Studierenden schnitten in der Abschlussprüfung besser ab als eine Vergleichsgruppe ohne. In einem Psychologiekurs zeigte sich dasselbe. Spätere Forschung bestätigt: Humor hilft beim Lernen vor allem dann, wenn er mit dem Inhalt zu tun hat.
Das ist der Unterschied zwischen einem Witz und einer Zuspitzung. Ein Witz bringt die Gruppe zum Lachen. Eine gute Zuspitzung bringt sie zum Lachen und zum Erinnern. Weil sie genau den Punkt trifft, den alle kennen, aber noch niemand so ausgesprochen hat.
Meine Grenze ist ganz klar: Ich mache gern Witze über mich selbst. Aber nie über andere. Ich weiß, wie schnell ein Witz falsch ankommen kann. Und ich weiß, wie viele Menschen mit alten Glaubenssätzen ins Seminar kommen. „Ich bin halt nicht so der Zahlenmensch.“ „Ich war schon in der Schule schlecht in Sprachen.“ Ein einziger Witz an der falschen Stelle, und so ein Satz bekommt neue Nahrung. Ich möchte niemals jemanden bloßstellen.
Deshalb sage ich auch immer: Es gibt keine dummen Fragen. Und ich meine es. Die anderen sind in der Regel heilfroh, wenn jemand genau diese Frage stellt, die sie sich nicht getraut haben. Wer das ernst nimmt, schafft eine Atmosphäre, in der Fehler erlaubt sind. Mehr dazu im Artikel über Fehlerkultur im Seminar. Und zur Selbstironie noch ein kleiner Nachsatz: in Maßen. Wer sich ständig selbst kleinmacht, macht irgendwann auch seine Inhalte klein.
Was du üben kannst
Finde wieder, was dich am Thema packt. Nicht das, was auf der Folie steht. Begeisterung lässt sich nicht spielen. Aber sie lässt sich wiederfinden.
Halte Pausen aus. Nach jeder Frage zweimal ruhig atmen. Es fühlt sich ewig an. Für die Gruppe ist es genau richtig.
Werde leiser statt lauter. Wenn die Gruppe unruhig wird: Stimme runter, Tempo runter. Die meisten werden aufmerksam, weil sie wissen wollen, was sie gerade verpassen.
Beweg dich mit Absicht. Geh zu einer Kleingruppe, wenn sie arbeitet. Setz dich zur Gruppe, wenn du zuhören willst. Steh auf, wenn etwas Wichtiges kommt. Dein Platz im Raum spricht, bevor du es tust.
Lach über die Situation, nie über Menschen. Humor, der aus der gemeinsamen Lage entsteht, verbindet. Humor auf Kosten einer Person trennt. Auch wenn diese Person höflich mitlacht.
Lass dich filmen. Einmal im Jahr. Es ist unangenehm. Sehr. Und es zeigt dir Dinge, die dir kein Feedbackbogen je verraten wird.
Was die Forschung trägt – und was nicht
Gut belegt ist, dass die sichtbare Begeisterung von Lehrenden mit der Freude der Lernenden zusammenhängt und dass Nähe und Zugewandtheit vor allem Motivation und Einstellung beeinflussen. Beim messbaren Lernen sind die Zusammenhänge schwächer. Für Humor gilt: Inhaltlich passender Humor kann das Lernen fördern, verletzender Humor schadet. Die meisten dieser Studien stammen aus Schulen und Hochschulen. Zu Stimme und Körpersprache von Trainerinnen und Trainern in der Erwachsenenbildung gibt es kaum gezielte Forschung. Die Hinweise dazu stammen aus der Praxis und aus der Forschung zu Wartezeit und Lehrendenverhalten.
Fazit
Methoden lassen sich kopieren. Präsenz nicht. Die Gruppe spürt, ob du dich fürs Thema begeisterst, ob du sie wirklich siehst und ob du eine Pause aushältst. Das ist der Unterschied zwischen einer Methode, die funktioniert, und einer, die nur durchgeführt wird.
Die gute Nachricht: Präsenz ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Man kann sie üben. Am besten vor einer Gruppe. Die merkt sowieso, wenn du es tust.
Lust, das für dich selbst auszuprobieren?
Wie du als Trainerin, Dozent oder Lehrkraft deine Präsenz, Stimme und Wirkung bewusst einsetzt, ist Teil von Gehirneffizientes Lehren. Wie du Gruppen auch in schwierigen Momenten hältst, vertiefen wir in Gruppendynamik, Fehlerkultur und Motivation.
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Passend dazu: Lernen ist kein Entertainment, Gruppenstart im Seminar und Fehlerkultur im Seminar
Literatur
Aktuelle Studien
- Bieg, S., & Dresel, M. (2018). Relevance of perceived teacher humor types for instruction and student learning. Social Psychology of Education, 21(4), 805–825. doi.org/10.1007/s11218-018-9428-z (Deutschland)
- Bieg, S., Grassinger, R., & Dresel, M. (2017). Humor as a magic bullet? Associations of different teacher humor types with student emotions. Learning and Individual Differences, 56, 24–33. doi.org/10.1016/j.lindif.2017.04.008 (Deutschland)
- Frenzel, A. C., Becker-Kurz, B., Pekrun, R., Goetz, T., & Lüdtke, O. (2018). Emotion transmission in the classroom revisited: A reciprocal effects model of teacher and student enjoyment. Journal of Educational Psychology, 110(5), 628–639. (Deutschland)
- Banas, J. A., Dunbar, N., Rodriguez, D., & Liu, S.-J. (2011). A review of humor in educational settings: Four decades of research. Communication Education, 60(1), 115–144. (USA)
- Frenzel, A. C., Goetz, T., Lüdtke, O., Pekrun, R., & Sutton, R. E. (2009). Emotional transmission in the classroom: Exploring the relationship between teacher and student enjoyment. Journal of Educational Psychology, 101(3), 705–716. doi.org/10.1037/a0014695 (Deutschland)
- Witt, P. L., Wheeless, L. R., & Allen, M. (2004). A meta-analytical review of the relationship between teacher immediacy and student learning. Communication Monographs, 71(2), 184–207. (USA)
Grundlagenforschung
- Ziv, A. (1988). Teaching and learning with humor: Experiment and replication. The Journal of Experimental Education, 57(1), 5–15. doi.org/10.1080/00220973.1988.10806492 (Israel)
- Rowe, M. B. (1986). Wait time: Slowing down may be a way of speeding up! Journal of Teacher Education, 37(1), 43–50. doi.org/10.1177/002248718603700110 (USA)