Gruppenstart im Seminar: Die Lauten, die Stillen und die ersten 30 Minuten

Warum in den ersten Minuten eines Seminars entschieden wird, wer redet und wer schweigt, was die Forschung über laute und stille Teilnehmende weiß und wie du den Start so gestaltest, dass alle Stimmen eine Chance haben

9:10 Uhr. Die Gruppe hat einen Chef. Gewählt hat ihn niemand.

Erster Seminartag. Du stellst die erste offene Frage in die Runde. Ein Teilnehmer antwortet sofort, ausführlich und sehr sicher. Bei der zweiten Frage wieder. Bei der dritten schaut die Gruppe schon zu ihm, bevor er überhaupt Luft holt. Zwei andere sagen bis zur Mittagspause kein einziges Wort.

Nach zehn Minuten weiß jeder im Raum, wer die Gruppe führt. Das Problem: Das hat niemand entschieden. Es ist einfach passiert. Und es bleibt so bis zum letzten Seminartag. Es sei denn, du gestaltest die ersten 30 Minuten anders.

Wer zuerst redet, wirkt klug. Ob er’s ist, ist zweitrangig.

Cameron Anderson und Gavin Kilduff von der University of California in Berkeley wollten wissen, warum dominante Menschen in neuen Gruppen so schnell Einfluss gewinnen. Ihre Vermutung: Sie setzen sich mit Druck durch. Falsch. Dominante Personen redeten einfach mehr, machten mehr Vorschläge und wurden deshalb von den anderen für besonders kompetent gehalten. Ob sie das wirklich waren, spielte eine erstaunlich kleine Rolle.

Neil MacLaren und sein Team an der Binghamton University gehen noch weiter. In Gruppen ohne festgelegte Leitung wurde vor allem die Person als Anführerin wahrgenommen, die am meisten sprach. Unabhängig von Intelligenz und Persönlichkeit. Die Forschung nennt das tatsächlich die Babble-Hypothese: Nicht die Qualität des Gesagten entscheidet, wer führt. Sondern die Menge.

Für dein Seminar heißt das: Wenn du den Start dem Zufall überlässt, gewinnt nicht die beste Idee. Es gewinnt die schnellste Stimme.

Zwei Köpfe und acht Publikum

Wäre das nur eine Frage der Fairness, könnte man es sportlich nehmen. Ist es aber nicht. Anita Woolley und ihr Team vom MIT und der Carnegie Mellon University haben untersucht, warum manche Gruppen bei Denkaufgaben besser abschneiden als andere. Überraschung: Die Intelligenz der einzelnen Mitglieder sagte wenig darüber aus, wie gut die Gruppe als Ganzes war. Wichtiger war, wie aufmerksam die Mitglieder füreinander waren. Und wie gleichmäßig die Redezeit verteilt war. Gruppen, in denen wenige dominierten, schnitten schlechter ab.

Eine Gruppe mit zwei Vielrednern und acht stillen Zuhörern ist also keine Gruppe mit zehn Köpfen. Sie ist eine Gruppe mit zwei Köpfen und acht Publikum.

Dazu kommt ein ganz banales Problem. Michael Diehl und Wolfgang Stroebe von der Universität Tübingen wollten wissen, warum Brainstorming-Gruppen weniger Ideen produzieren als dieselbe Anzahl Menschen, die allein nachdenkt. Der Hauptgrund: Es kann immer nur eine Person reden. Alle anderen warten. Und während sie warten, vergessen sie ihre Idee, verwerfen sie oder behalten sie lieber für sich. Die Forschung nennt das Produktionsblockade. In einer Gruppe mit einem Vielredner ist die Blockade praktisch Dauerzustand.

Still heißt nicht leer

Die Stillen sind sehr unterschiedlich. Manche denken erst nach, bevor sie reden. Manche sind neu im Thema oder im Unternehmen. Manche sprechen nicht in ihrer Muttersprache. Manche sitzen neben ihrer Vorgesetzten und wägen jedes Wort ab. Und manche haben schlicht schon erlebt, was passiert, wenn man in einer Gruppe danebenliegt.

Fast alle haben eines gemeinsam: Sie brauchen ein bisschen mehr Zeit als die Schnellen. Und genau diese Zeit gibt es in den meisten Seminaren nicht.

Die eine Sekunde, in der du die Stillen verlierst

Die Bildungsforscherin Mary Budd Rowe hat über Jahre Unterrichtsstunden aufgezeichnet und gemessen, wie lange Lehrkräfte nach einer Frage warten, bevor sie selbst weiterreden oder jemanden drannehmen. Meist weniger als eine Sekunde. In dieser Zeit antworten nur die Schnellsten. Rowe beobachtete, dass typischerweise sechs oder sieben Personen mehr als die Hälfte der Gesprächszeit einer ganzen Klasse bestritten.

Warteten die Lehrkräfte dagegen drei Sekunden oder länger, kippte das Bild. Mehr Lernende antworteten, die Antworten wurden länger und durchdachter. Und plötzlich meldeten sich auch die, die sonst nie etwas sagten.

Drei Sekunden fühlen sich vorne im Raum an wie eine Ewigkeit. Für die Gruppe sind sie genau die Zeit, die sie braucht.

So gestaltest du die ersten 30 Minuten

Beziehung vor Inhalt. Egal, wie knapp die Zeit ist: Bei mir lernen wir uns zuerst kennen. Aber nicht auf der Ebene „Ich heiße Thomas, meine Hobbys sind Lesen und Reisen“. Danach weiß man genau eines: Thomas heißt Thomas. Meine Kennenlernrunden sind schon aufs Seminar bezogen, aber so gebaut, dass eine humorvolle, lockere Atmosphäre entsteht. Die Zeit dafür ist nicht verloren. Sie ist das Fundament, auf dem die Gruppe den Rest des Tages steht.

Die erste Wortmeldung strukturieren, nicht freigeben. Die erste Frage des Tages ist keine offene Frage ins Plenum. Sondern eine kurze Runde, in der jeder einmal spricht. Ein Satz reicht. Damit ist von Anfang an klar: Hier reden alle. Nicht nur die Schnellen.

Erst schreiben, dann sprechen. Nach einer Frage eine Minute Zeit, in der jeder seine Antwort notiert. Danach zählt nicht mehr die schnellste Stimme, sondern die vorbereitete.

Erst zu zweit, dann ins Plenum. Wer seine Idee schon einer Person erzählt hat, traut sich eher, sie vor allen zu sagen. Und du kannst fragen: „Was habt ihr zwei besprochen?“ Das nimmt Druck vom Einzelnen.

Wartezeit aushalten. Nach einer Frage zweimal ruhig atmen, bevor du weiterredest. Und nach der ersten Antwort noch mal warten. Die interessanteste Antwort kommt oft als zweite.

Hierarchie entschärfen. Sind Führungskräfte im Raum, bitte sie, als Letzte zu sprechen. Sonst hat die Gruppe ihre Meinung übernommen, bevor sie eine eigene hatte.

Regeln sichtbar machen. „In den nächsten zehn Minuten möchte ich gern von denen hören, die heute noch nichts gesagt haben.“ Das ist keine Kritik an den Lauten. Es ist eine Einladung an die Leisen.

Die Lauten nicht bremsen, sondern einbinden. Vielredner sind oft engagiert, schnell und gut informiert. Das ist eine Ressource. Gib ihnen Aufgaben, die diese Energie nutzen: zusammenfassen, auf die Zeit achten, die anderen gezielt nach ihrer Meinung fragen.

Wenn einer nicht aufhört

Es gibt sie in jeder zweiten Gruppe: die eine Person, die bei jeder Frage zuerst antwortet und dann nicht mehr aufhört. Was da hilft, hat bei mir oft gar nichts mit Sprechen zu tun. Ich gehe einfach dorthin und stelle mich hinter die Person. Kein Wort, kein Blick in die Runde. Das reicht erstaunlich oft.

Und für alle, die nonverbale Zeichen nicht so gut lesen, habe ich ein nonverbales Zeichen zum Anfassen: ein kleines Schild mit einer Rakete. Das nehme ich dann langsam vor mein Gesicht. Spätestens jetzt versteht es jeder. Und die Gruppe lacht, statt peinlich berührt wegzuschauen.

Wenn es doch Worte braucht, helfen klare, freundliche Sätze: „Danke, wichtiger Punkt. Ich würde gern noch zwei andere Stimmen dazu hören.“ Entscheidend ist der Ton. Wer einen Vielredner vor allen abkanzelt, zeigt allen anderen, dass Reden gefährlich ist. Dann schweigen am Ende noch mehr. Und du hast den Vielredner trotzdem nicht leiser gemacht.

Und die Stillen? Nicht drannehmen wie in einer mündlichen Prüfung. Ich arbeite stattdessen viel in Gruppen. Und vor fast jeder Gruppenarbeit steht eine kurze Einzelarbeit, in der alle etwas aufschreiben können. Wer mit einem Zettel in die Gruppe geht, geht nicht mit leeren Händen. Dann kann ich auch anknüpfen: „Du hattest vorhin was notiert. Magst du das teilen?“ Wer sich vorbereitet fühlt, sagt eher etwas. Und wer einmal etwas gesagt hat, sagt beim nächsten Mal leichter wieder etwas.

Besonders gern mag ich das Gruppenpuzzle. Jede Person wird Expertin für einen Teil des Themas und muss ihr Wissen danach in eine neue Gruppe tragen. Da gibt es keine Stillen mehr. Da gibt es nur noch Leute, die als Einzige wissen, was in ihrem Teil steht. Wie das genau funktioniert, findest du bei Variadu in der Methode Gruppenpuzzle.

Was die Forschung trägt – und was nicht

Gut belegt ist, dass Redezeit und Dominanz in neuen Gruppen stark beeinflussen, wer als kompetent und führend gilt. Die Studien dazu wurden aber überwiegend mit Studierenden in kurzen Gruppenaufgaben gemacht. Woolleys Befunde zur kollektiven Intelligenz sind viel zitiert, wurden später aber auch kritisch diskutiert. Rowes Forschung zur Wartezeit stammt vor allem aus Schulklassen. Die Vorschläge für den Gruppenstart sind aus der Forschung abgeleitet und in der Praxis bewährt, aber nicht als Gesamtpaket im Seminar getestet.

Fazit

In den ersten 30 Minuten entsteht eine Gesprächsordnung, die oft bis zum Ende bleibt. Wer zuerst und am meisten redet, gilt schnell als kompetent, ob er es ist oder nicht. Und eine Gruppe, in der nur wenige sprechen, denkt schlechter als eine, in der alle zu Wort kommen.

Die gute Nachricht: Das kannst du gestalten. Mit einer klaren ersten Runde, mit Schreibzeit, mit Wartezeit und mit freundlichen, klaren Sätzen. Die lauteste Stimme im Raum muss nicht die sein, die die Gruppe führt. Das bist nämlich du.


Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?

Wie du Gruppen so startest, dass alle Stimmen eine Chance haben, und wie du mit Vielrednern, Stillen und Hierarchien im Raum umgehst, ist Kern von Gruppendynamik, Fehlerkultur und Motivation.

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Passend dazu: Fehlerkultur im Seminar, Lernräume gestalten und Aktivierung bei Erwachsenen

Literatur

Aktuelle Studien

  • MacLaren, N. G., Yammarino, F. J., Dionne, S. D., Sayama, H., Mumford, M. D., Connelly, S., et al. (2020). Testing the babble hypothesis: Speaking time predicts leader emergence in small groups. The Leadership Quarterly, 31(5), 101409. doi.org/10.1016/j.leaqua.2020.101409 (USA)
  • Woolley, A. W., Chabris, C. F., Pentland, A., Hashmi, N., & Malone, T. W. (2010). Evidence for a collective intelligence factor in the performance of human groups. Science, 330(6004), 686–688. doi.org/10.1126/science.1193147 (USA)
  • Anderson, C., & Kilduff, G. J. (2009). Why do dominant personalities attain influence in face-to-face groups? The competence-signaling effects of trait dominance. Journal of Personality and Social Psychology, 96(2), 491–503. doi.org/10.1037/a0014201 (USA)

Grundlagenforschung

  • Diehl, M., & Stroebe, W. (1987). Productivity loss in brainstorming groups: Toward the solution of a riddle. Journal of Personality and Social Psychology, 53(3), 497–509. doi.org/10.1037/0022-3514.53.3.497 (Deutschland)
  • Rowe, M. B. (1986). Wait time: Slowing down may be a way of speeding up! Journal of Teacher Education, 37(1), 43–50. doi.org/10.1177/002248718603700110 (USA)