Lernräume gestalten: Warum der Raum mitunterrichtet

Warum der Raum mitentscheidet, ob ein Seminar gelingt, was die Forschung über Luft, Wände und Sitzordnung weiß und wie du Präsenz- und Online-Räume so inszenierst, dass sie für dich arbeiten statt gegen dich

Du planst jede Minute. Den Raum nimmst du, wie er ist.

Drei Wochen hast du an der Dramaturgie gefeilt. Jede Phase sitzt, jeder Übergang ist durchdacht. Dann betrittst du den Tagungsraum. Er heißt „Kristall“. Tische in U-Form, festgeschraubt. Vorhänge zu, Neonlicht an. An der Wand zwölf gerahmte Kunstdrucke von Segelbooten. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, aus Sicherheitsgründen. Die Klimaanlage brummt. Und der Beamer steht so, dass du entweder mitten im Bild stehst oder hinter der Gruppe.

Um 14 Uhr gähnt die halbe Gruppe. Du schiebst es aufs Mittagessen.

Das Mittagessen schiebt es auf den Raum.

Der Raum unterrichtet mit. Ob du willst oder nicht.

Wie stark, hat Peter Barrett mit seinem Team an der University of Salford in Großbritannien untersucht. Sie haben 153 Klassenzimmer in 27 Grundschulen genau unter die Lupe genommen und dann ein Schuljahr lang den Lernfortschritt von fast 3.800 Kindern verfolgt. Ergebnis: Die Gestaltung des Raums erklärte rund 16 Prozent der Unterschiede im Lernfortschritt. Etwa die Hälfte davon ging auf ganz unspektakuläre Dinge zurück: Licht, Luft, Temperatur, Akustik.

Das sind Grundschulkinder, keine Führungskräfte im Seminarhotel. Aber Führungskräfte atmen auch. Der Raum ist kein Hintergrund. Er ist Lernpartner. Oder Gegenspieler.

Frische Luft ist keine Pause. Sie ist Didaktik.

Barrett hat in einem Interview eine einfache Rechnung aufgemacht: Sitzen 30 Personen in einem Raum, ist die Luft nach etwa einer halben Stunde schlecht, wenn niemand ein Fenster öffnet. Eine halbe Stunde. Dein Seminar dauert sieben.

Was schlechte Luft konkret anrichtet, hat ein Team um Dorothee Twardella vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit untersucht. In 20 Klassenzimmern mit Lüftungsanlage wurde die Luft gezielt mal besser, mal schlechter eingestellt: im Schnitt rund 1.000 gegenüber rund 2.100 ppm Kohlendioxid. Über 400 Grundschulkinder machten dabei Konzentrationstests. Das Tempo blieb gleich. Aber bei schlechter Luft machten die Kinder mehr Fehler. Genauso schnell, nur ungenauer.

Und schlechte Luft ist keine Ausnahme. Dasselbe Landesamt hat in bayerischen Klassenzimmern im Winter Werte von über 4.000 ppm gemessen. Das Umweltbundesamt stuft bis 1.000 ppm als hygienisch unbedenklich ein, zwischen 1.000 und 2.000 als auffällig und alles darüber als inakzeptabel. Für einen Seminarraum mit 20 Leuten und geschlossenen Fenstern sind 2.000 ppm kein Kunststück.

Für dein Seminar ist das fast egal. Wer mit schwerem Kopf in stickiger Luft sitzt, lernt schlechter. Also: Fenster auf in jeder Pause. Und wenn sich die Fenster nicht öffnen lassen, öfter Pause. Eine kleine CO₂-Ampel auf dem Tisch kostet wenig und beendet jede Diskussion darüber, ob es wirklich schon wieder nötig ist.

An der Wand hängt alles. Außer dem, worum es gerade geht.

Anna Fisher und ihr Team an der Carnegie Mellon University haben Kindergartenkinder in einem Laborklassenzimmer unterrichtet. Mal waren die Wände voller bunter Poster, Bilder und Karten. Mal fast leer. Im bunten Raum waren die Kinder deutlich häufiger abgelenkt. Und sie lernten weniger: 42 Prozent richtige Antworten statt 55 Prozent im kargen Raum.

Kindergartenkinder, kleine Studie. Aber schau dir mal einen Seminarraum am dritten Tag an. An der Wand hängen die Flipcharts von gestern, vorgestern und dem ersten Morgen. Daneben die Segelboote, der Fluchtwegplan, eine Uhr, die zehn Minuten nachgeht. Alles ruft: „Schau mich an!“ Und nichts davon gehört zur Aufgabe, die gerade dran ist.

Du musst nicht alles abhängen. Aber du darfst entscheiden, was gerade sichtbar ist. Was nicht mehr gebraucht wird, kommt weg oder wird umgedreht. Was jetzt wichtig ist, bekommt Platz. Die Segelboote dürfen bleiben. Wenn’s sein muss.

U-Form: Alle sehen dich. Keiner sieht die anderen.

Die U-Form ist der Klassiker im Seminarhotel. Ihr Vorteil: Alle sehen nach vorne. Ihr Nachteil: Alle sehen nach vorne. Die Trainerin steht auf der Bühne, die Gruppe sitzt im Publikum. Wer mit jemandem auf der anderen Seite reden will, spricht über eine leere Mitte hinweg, in der nur das Beamerkabel liegt.

Ein Stuhlkreis ohne Tische lädt zum Gespräch ein. Er macht aber auch verletzlich, weil sich niemand mehr hinter seinem Laptop verstecken kann. Gruppentische laden zur Zusammenarbeit ein, aber die Hälfte sitzt mit dem Rücken zu dir. Die perfekte Sitzordnung gibt es nicht. Es gibt nur eine, die zur Phase passt.

Also: die Sitzordnung im Laufe des Tages ändern. Input mit Blick nach vorne. Austausch im Kreis. Arbeit an Tischen. Und wer weiß, dass die Sitzordnung mitentscheidet, wer redet und wer schweigt, kann sie gezielt einsetzen. Mehr dazu im Artikel über den Gruppenstart im Seminar.

Keine Tafel, kein Flipchart. Zum Glück.

Der schlechteste Raum, in dem ich je unterrichtet habe, hatte nichts. Keine Tafel, kein Flipchart, keine Pinnwand. Nur Tische und Stühle. Mein erster Gedanke: Wie soll das gehen?

Es ging großartig. Ich habe ganz viel auf den Tischen gearbeitet. Karten, Material, Skizzen, alles lag flach. Und weil man auf einem Tisch nichts von hinten sieht, standen wir drumherum. Die ganze Gruppe war ständig in Bewegung, ging von Tisch zu Tisch, beugte sich über Material, zeigte, diskutierte. Es war viel weniger statisch als sonst.

Der Raum, der mir alles genommen hat, hat mir das Wichtigste geschenkt: Niemand saß.

Neuer Ort, neuer Anker

Steven Smith, Arthur Glenberg und Robert Bjork haben schon 1978 untersucht, wie der Raum das Erinnern beeinflusst. In einem ihrer Experimente lernten Menschen Wortlisten entweder zweimal im selben Raum oder einmal hier und einmal dort. Getestet wurde in einem dritten Raum, den keiner kannte. Wer in zwei verschiedenen Räumen gelernt hatte, erinnerte sich besser. Das Wissen hing an mehr Ankern und klebte nicht an einem einzigen Ort.

Spätere Studien haben den Effekt nicht immer gefunden. Er zeigt sich vor allem, wenn zwischen Lernen und Erinnern Zeit vergeht. Für dein Seminar ist die Idee trotzdem Gold wert: Stationen im Raum, Gruppenarbeit im Nebenraum, nach der Pause andere Plätze. Ortswechsel bringen Bewegung, unterbrechen die Müdigkeit und geben dem Gedächtnis womöglich zusätzliche Anker. Drei Vorteile für einen Stuhl, der woanders steht.

Das Seminar beginnt an der Tür. Nicht bei Folie 1.

Der erste Eindruck entsteht nicht mit deiner Begrüßung. Er entsteht in der Sekunde, in der jemand den Raum betritt. Was sieht diese Person? Tische mit Namensschildern und einen Stapel Handouts? Oder einen Raum, der schon etwas erzählt: eine Frage am Flipchart, Material auf dem Tisch, eine Sitzordnung, bei der man stutzt?

Inszenierung heißt nicht Deko. Es heißt, den Raum so vorzubereiten, dass er das unterstützt, was passieren soll. Wer Gespräch will, stellt keine Reihen. Wer konzentrierte Einzelarbeit braucht, baut keine Kuschelecke. Und wer will, dass die Gruppe vom ersten Moment an aktiv wird, legt etwas hin, mit dem man etwas tun kann.

Eine einfache Regel: mindestens 30 Minuten vorher im Raum sein. Nicht nur, um den Beamer zu testen. Sondern um aus dem Raum „Kristall“ deinen Raum zu machen.

Ich verändere vor jedem Seminar alles. Wirklich alles. Was überflüssig ist, stelle ich raus. Der dritte Tisch für Unterlagen, die zwei zusätzlichen Stühle, der Rollcontainer, der schon immer da stand. Je mehr Luft ein Raum hat, desto mehr kann ich atmen. Und desto mehr Platz haben wir, um uns zu bewegen.

Dann bereite ich die Wände vor. Ich mache immer eine Memoroute: eine Abfolge von Stationen an den Wänden, an denen wir im Laufe des Seminars entlanggehen und an denen sich die Inhalte festmachen. Das Prinzip dahinter ist uralt und als Gedächtnispalast-Methode bekannt. Die Wände sollen von der ersten Minute an einladen und Fragen aufwerfen. Wer reinkommt, soll nicht denken: „Ah, ein Seminarraum.“ Sondern: „Was ist denn das?“

Online ist auch ein Raum. Nur mit 15 Küchen.

Im Online-Seminar sitzt deine Gruppe in 15 verschiedenen Räumen. Mindestens einer davon ist eine Küche, in einem läuft im Hintergrund die Waschmaschine, und einer hat die Kamera so eingestellt, dass du vor allem die Zimmerdecke siehst.

Jeremy Bailenson von der Stanford University hat beschrieben, warum Videokonferenzen so ermüdend sind. Man schaut viel länger und aus viel größerer Nähe in Gesichter als im echten Leben. Nonverbale Signale sind schwerer zu senden und zu lesen, das kostet Kraft. Man sieht sich ständig selbst, wie in einem Spiegel, der den ganzen Tag mitläuft. Und man sitzt fast bewegungslos vor der Kamera. Spätere Befragungen mit Tausenden Teilnehmenden haben diese Erklärungen gestützt.

Für dein Online-Seminar heißt das: Erlaube ausdrücklich, die Selbstansicht auszublenden. Plane Phasen, in denen die Kamera aus sein darf. Schick die Gruppe zwischendurch weg vom Bildschirm. Und kümmere dich um deinen eigenen Raum: Licht von vorne, Kamera auf Augenhöhe, ruhiger Hintergrund. Dein Bildausschnitt ist für die Gruppe der Seminarraum. Wenn du nur von unten zu sehen bist, unterrichtest du aus der Froschperspektive.

Ich arbeite online mit fünf Kameras und wechsle oft. Mal zeigt eine Dokumentenkamera von oben auf meinen Schreibtisch, wo ich gerade etwas zeichne. Mal sieht die Gruppe mich komplett, von Kopf bis Fuß. Das klingt nach Technikspielerei. Ist es nicht. Jeder Wechsel ist für die Gruppe ein kleiner Ortswechsel, ohne dass jemand aufstehen muss. Und plötzlich ist da wieder ein Körper, der sich bewegt, und nicht nur ein Kopf in einer Kachel.

Du brauchst dafür keine fünf Kameras. Eine zweite reicht schon, oder das Handy als Dokumentenkamera. Hauptsache, die Gruppe sieht nicht sieben Stunden lang dasselbe Bild. Das sieht sie in ihrer Küche schon.

Fünf Fragen, bevor die Gruppe kommt

1. Kann ich lüften? Und wenn nicht: Wie oft schicke ich die Gruppe raus?

2. Was steht und hängt hier, das ich nicht brauche? Raus damit. Ein Raum mit Luft lässt alle atmen, auch dich.

3. Welche Sitzordnung passt zu meiner ersten Phase? Und wann ändere ich sie?

4. Was sieht die Gruppe, wenn sie reinkommt? Werfen die Wände schon Fragen auf, oder erzählen sie nur, dass es Kaffee gibt?

5. Wo kann ich den Ort wechseln? Gibt es einen zweiten Raum, einen Flur, einen Garten?

Was die Forschung trägt – und was nicht

Gut belegt ist, dass Licht, Luft, Temperatur und Akustik das Lernen beeinflussen. Die Studien von Barrett und Fisher stammen allerdings aus Grundschule und Kindergarten. Für Erwachsene im Seminar gibt es deutlich weniger Forschung. Auch die bayerische Luftstudie wurde mit Grundschulkindern gemacht und zeigte mehr Fehler, aber kein langsameres Arbeiten. Der Effekt von Ortswechseln aufs Gedächtnis wurde nicht in allen Studien gefunden. Bailensons Erklärungen zur Videomüdigkeit sind gut begründet und durch Befragungen gestützt, aber noch nicht in allen Punkten experimentell geprüft. Die Praxistipps sind aus der Forschung abgeleitet und haben sich in Seminaren bewährt.

Fazit

Der Raum ist kein Hintergrund. Er entscheidet mit, ob eine Gruppe wach bleibt, ob sie miteinander redet und ob sie sich auf das Wesentliche konzentriert. Wer ein Seminar plant, sollte nicht nur die Inhalte inszenieren, sondern auch den Ort.

Fenster auf, Wände frei, Stühle bewegen. Manchmal ist das die wirksamste Methode des Tages. Und die einzige, für die du keine Folie brauchst.


Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?

Wie Raum, Ablauf und Methoden zusammenspielen, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren. Wie Lernformate von Anfang an mit einer klaren Dramaturgie aufgebaut werden, vertiefen wir in Kurskonzepterstellung.

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Passend dazu: Gruppenstart im Seminar, Kippeln ist was Tolles und Das passiert, wenn wir flach atmen

Literatur

Aktuelle Studien

  • Twardella, D., Matzen, W., Lahrz, T., Burghardt, R., Spegel, H., Hendrowarsito, L., Frenzel, A. C., & Fromme, H. (2012). Effect of classroom air quality on students’ concentration: Results of a cluster-randomized cross-over experimental study. Indoor Air, 22(5), 378–387. doi.org/10.1111/j.1600-0668.2012.00774.x (Deutschland)
  • Bailenson, J. N. (2021). Nonverbal overload: A theoretical argument for the causes of Zoom fatigue. Technology, Mind, and Behavior, 2(1). doi.org/10.1037/tmb0000030 (USA)
  • Barrett, P., Davies, F., Zhang, Y., & Barrett, L. (2015). The impact of classroom design on pupils’ learning: Final results of a holistic, multi-level analysis. Building and Environment, 89, 118–133. doi.org/10.1016/j.buildenv.2015.02.013 (Großbritannien)
  • Fisher, A. V., Godwin, K. E., & Seltman, H. (2014). Visual environment, attention allocation, and learning in young children: When too much of a good thing may be bad. Psychological Science, 25(7), 1362–1370. doi.org/10.1177/0956797614533801 (USA)

Grundlagenforschung

  • Ad-hoc-Arbeitsgruppe Innenraumrichtwerte (2008). Gesundheitliche Bewertung von Kohlendioxid in der Innenraumluft. Bundesgesundheitsblatt, 51, 1358–1369. doi.org/10.1007/s00103-008-0707-2 (Deutschland, Umweltbundesamt)
  • Smith, S. M., Glenberg, A., & Bjork, R. A. (1978). Environmental context and human memory. Memory & Cognition, 6(4), 342–353. doi.org/10.3758/BF03197465 (USA)