Links-Rechts-Schwäche

Warum so viele Menschen links und rechts verwechseln, warum unser Gehirn eigentlich gar nicht dafür gebaut ist und was im Alltag und im Seminar wirklich hilft

„Hebt mal alle die rechte Hand.“ Die Hälfte hebt die linke.

Bewegungspause im Seminar. Du stehst vor der Gruppe, machst die Übung vor und sagst: „Rechte Hand hoch, linkes Knie anheben.“ Und dann siehst du ein heilloses Durcheinander. Ein Teil der Gruppe macht es so, wie du es gesagt hast. Ein anderer Teil macht es so, wie du es vorgemacht hast. Denn du stehst ihnen gegenüber. Deine rechte Hand ist für sie links.

Links und rechts gehören zu den Dingen, die wir für selbstverständlich halten. Für viele Menschen sind sie es nicht. Und das hat weniger mit Konzentration zu tun als mit einer überraschenden Tatsache: Unser Gehirn ist von Natur aus darauf gebaut, links und rechts nicht zu unterscheiden.

Mein Leberfleck ist fast weg

Als ich ganz klein war, half mir meine Mutter mit einem Trick. Ich hatte einen Leberfleck auf der rechten Hand, und sie sagte, ich solle einfach nach ihm schauen, dann wüsste ich immer, wo rechts ist. Noch heute schaue ich manchmal in meine Hand. Das Problem: Der Leberfleck ist inzwischen so blass, dass ich ihn suchen muss. Und beim Tanzen kann ich nicht jedes Mal den Arm runternehmen, um nachzusehen.

Wie tief das sitzt, habe ich beim Überarbeiten dieses Artikels gemerkt. Ich habe von meinem Leberfleck erzählt und ihn ganz selbstverständlich auf die linke Hand verlegt. Ausgerechnet den Anker, der mir rechts zeigen sollte.

Dazu kommt: Ich bin als Kind von links auf rechts umgeschult worden. Ich tue mich also bis heute schwer mit links und rechts. Mit viel Koordinationstraining ist es deutlich besser geworden. Perfekt ist es nicht.

Damit bin ich in guter Gesellschaft. Gerard Gormley und sein Team an der Queen’s University Belfast haben 290 Medizinstudierende im ersten Studienjahr befragt und getestet. Fast ein Drittel gab an, sich mit einem Trick zu behelfen, um links und rechts auseinanderzuhalten. Und das bei angehenden Ärztinnen und Ärzten, für die eine Verwechslung ernste Folgen haben kann.

Ein Tiger ist von links genauso gefährlich wie von rechts

Die Natur kennt kein Links und kein Rechts. Ein Raubtier kann von beiden Seiten kommen, ein Apfel hängt mal links, mal rechts am Ast. Für ein Lebewesen ist es also sinnvoll, ein Ding und sein Spiegelbild als dasselbe zu erkennen. Die Forschung nennt das Spiegelinvarianz.

Diese Fähigkeit steckt tief in unserem Sehsystem und ist uralt. Fische, Kraken, Ratten und Affen behandeln Spiegelbilder als gleich, sogar Bienen. Und fast alle Tiere tun sich mit links-rechts-gespiegelten Bildern viel schwerer als mit oben-unten-gespiegelten. Oben und unten sind in der Natur eben nicht beliebig: Die Schwerkraft sorgt dafür.

Der Psychologe Michael Corballis hat daraus schon in den 1970er-Jahren eine einfache Überlegung abgeleitet: Ein vollkommen symmetrisches Lebewesen könnte links und rechts gar nicht unterscheiden. Es bräuchte einen Unterschied zwischen seinen Seiten, um überhaupt zu wissen, welche welche ist. Wir sind nicht vollkommen symmetrisch, aber nah dran. Und unser Gehirn gleicht Erinnerungen über beide Hälften hinweg ab, was Spiegelbilder zusätzlich verwischt.

Links und rechts zu unterscheiden ist also keine Grundausstattung. Es ist eine Leistung, die wir gegen unsere Grundausstattung lernen müssen.

Jeder Leser hat gelernt, b und d zu unterscheiden

Es gibt eine Stelle, an der wir alle genau das gelernt haben: beim Lesen. Ein b ist ein gespiegeltes d. Ein Gehirn, das Spiegelbilder als gleich behandelt, kann damit nichts anfangen. Wer lesen lernt, muss die Spiegelinvarianz für Buchstaben abtrainieren. Deshalb schreiben Kinder am Anfang so oft spiegelverkehrt.

Wie stark das wirkt, haben die Forschungsgruppen um Stanislas Dehaene und Régine Kolinsky gezeigt. Sie verglichen Erwachsene, die lesen können, mit Erwachsenen, die nie lesen gelernt haben. Die Lesenden stolperten über gespiegelte Paare, nicht nur bei Buchstaben, sondern sogar bei Fantasieschriften und Bildern. Die Nichtlesenden stolperten nicht. Für sie waren Spiegelbilder einfach dasselbe.

Und jetzt der hoffnungsvolle Teil: Auch Menschen, die erst als Erwachsene lesen gelernt hatten, zeigten diesen Effekt. Das erwachsene Gehirn kann also noch lernen, Spiegelbilder zu unterscheiden. Es braucht dafür nur sehr viel Übung, so wie beim Lesen, wo wir das tausendfach am Tag tun.

Für Buchstaben trainieren wir das täglich. Für „links von mir“ fast nie. Jeder Leser hat gelernt, b und d zu unterscheiden. Niemand hat ihm beigebracht, dass seine Hände auch b und d sind.

Links und rechts sind nicht angeboren

Daniel Haun, Stephen Levinson und ihr Team haben Menschenaffen aller Gattungen und vierjährige Kinder aus Europa vor dieselbe räumliche Gedächtnisaufgabe gestellt. Beide orientierten sich bevorzugt an der Umgebung, also daran, wo etwas im Raum lag, und nicht daran, ob es links oder rechts von ihnen selbst war. Erst ältere Kinder und Erwachsene unterschieden sich danach, wie ihre Sprache und Kultur Raum beschreiben. Wir starten also mit einer Vorliebe für die Umgebung, und Sprache und Kultur überschreiben sie im Lauf der Kindheit.

Wie stark Sprache hier wirkt, zeigen Sprachen wie Guugu Yimithirr im Nordosten Australiens. Für die Lage von Dingen gibt es dort keine Wörter wie links und rechts. Stattdessen benutzen die Sprecherinnen und Sprecher Himmelsrichtungen, auch bei kleinen Abständen. Man sagt dann sinngemäß: „Rück mal ein Stück nach Osten.“ Ähnlich ist es zum Beispiel im Tzeltal in Mexiko oder im Arrernte in Australien. Der Linguist Stephen Levinson hat gezeigt, dass solche Sprecher sich auch in nicht-sprachlichen Aufgaben an Himmelsrichtungen erinnern, wo Niederländer sich an links und rechts erinnern. Für mich als Sprachwissenschaftlerin ist das einer der schönsten Belege dafür, wie eng Sprache und Denken verbunden sind.

Haben diese Menschen also keine Probleme? Sie haben andere. Wer immer in Himmelsrichtungen spricht, muss in jedem Moment wissen, wo Norden ist, auch im geschlossenen Raum. Und ein Detail passt genau ins Bild: Tzeltal-Sprecher behandeln gespiegelte Figuren eher als gleich. Wo die Sprache links und rechts nicht verlangt, bleibt die alte Spiegelinvarianz einfach erhalten.

Kinder lernen übrigens die verschiedenen Systeme ungefähr gleich leicht. Links und rechts sind also nicht natürlicher als Himmelsrichtungen. Sie sind nur das System, für das sich unsere Sprache entschieden hat. Bei uns dauert es Jahre, bis es sitzt: Am eigenen Körper unterscheiden Kinder links und rechts mit etwa sechs Jahren, beim Gegenüber und zwischen zwei Gegenständen erst einige Jahre später sicher.

Von wem aus gesehen?

Links und rechts sind schwierig, weil sie sich mit uns drehen. „Links“ von mir ist für mein Gegenüber „rechts“. Jede Richtungsangabe verlangt also, dass das Gehirn blitzschnell klärt: Von wem aus gesehen? Oft heißt das, sich im Kopf umzudrehen. Und genau das kostet Kapazität.

Dieses Problem ist alt. Die Römer deuteten Vorzeichen auf der linken Seite als günstig, weil ihre Auguren nach Süden blickten. Die Griechen blickten nach Norden, und für sie war links ungünstig. Dieselbe Seite bedeutete je nach Blickrichtung Glück oder Unglück. Und noch im 19. Jahrhundert konnten sich Botaniker nicht einigen, ob eine Ranke links- oder rechtsherum wächst: vom Betrachter aus gesehen oder von der Pflanze aus?

Wie anfällig das „Von wem aus?“ ist, zeigt eine weitere Studie aus Belfast. Das Team um Gerard Gormley hat Medizinstudierende links und rechts bestimmen lassen, einmal in Ruhe, einmal mit dem typischen Geräuschpegel einer Krankenhausstation und mit Zwischenfragen. Schon der Lärm reichte, um mehr Fehler zu verursachen. Die Zwischenfragen verstärkten den Effekt noch. Unter Stress und Ablenkung wird aus einer leichten Unsicherheit schnell ein echter Fehler. Im Straßenverkehr ist das ärgerlich. In der Medizin kann es gefährlich werden.

Backbord funktioniert. Links nicht.

Vor Kurzem bekam ich eine Mail, die mir lange nachgegangen ist. Jemand beschrieb, dass er Spiegelschrift so mühelos liest wie normale Schrift. Dass er mit beiden Händen gleich gut schreibt. Und dass es für ihn schlicht keine Seite gibt, die sich von selbst „richtig“ anfühlt. Oben und unten seien kein Problem. Da helfe die Schwerkraft.

Mit dem, was oben steht, ist das kein Rätsel mehr. Hier ist die alte Spiegelinvarianz besonders lebendig geblieben. Und dem Körper fehlt der Unterschied, an dem er sich festhalten könnte. Eine Studie mit 62 Frauen hat genau das gemessen: Wer eine stärker ausgeprägte Händigkeit und ein deutlicheres Tastgefälle zwischen den Körperseiten hatte, verwechselte links und rechts seltener. Wer beidhändig ist, hat zwei gleich gute Hände. Und genau damit fehlt ihm der Unterschied.

Und dann der entscheidende Satz aus der Mail: Beim Segeln klappt es. Backbord und Steuerbord sind kein Problem. Die Begriffe hängen am Boot, nicht am Menschen. Sie drehen sich nicht mit, wenn jemand gegenübersteht. Das ist im Kleinen genau das, was die Sprecherinnen und Sprecher von Guugu Yimithirr im Großen machen: Sie verankern Richtungen in der Welt, nicht im eigenen Körper.

Der Körper weiß es. Das Wort nicht.

Wo im Gehirn passiert das alles? Einen einzelnen Ort für links und rechts gibt es nicht, aber einen wichtigen Knotenpunkt: den Gyrus angularis im Scheitellappen. Wird der linke Gyrus angularis mit Magnetstimulation kurz gestört, leidet die Links-Rechts-Unterscheidung. In einer Bildgebungsstudie waren daneben aber auch weitere Regionen im Scheitellappen beteiligt, zum Teil auf der rechten Seite. Die Forschenden vermuten, dass im linken Gyrus angularis die räumliche Information mit der Bedeutung der Wörter „links“ und „rechts“ verknüpft wird.

Genau diese Verknüpfung ist die Schwachstelle. Unsere Sinne wissen nämlich sehr wohl, wo links ist. Das Ohr erkennt sofort, von welcher Seite ein Geräusch kommt. Der Gleichgewichtssinn hilft dem Gehirn, die eigene Körpermitte zu bestimmen, also die Linie, an der links und rechts überhaupt erst anfangen. Das Ohr weiß sofort, von welcher Seite der Hund bellt. Es weiß nur nicht, wie diese Seite heißt.

Man kann sich diesen Knotenpunkt wie einen Knoten vorstellen, an dem mehrere Fäden zusammenlaufen. Ein Faden ist das Wort: Welche Seite heißt links? Ein zweiter ist das Körpergefühl: Wo ist meine linke Seite gerade? Ein dritter ist das gedankliche Umdrehen: Was ist links für mein Gegenüber? Und bei einer Wegbeschreibung kommt noch ein vierter dazu: die Reihenfolge merken und sich unterwegs immer wieder neu ausrichten. „Zweimal rechts, dann links“ zieht an allen Fäden gleichzeitig.

Das erklärt, warum die Schwierigkeiten so unterschiedlich ausfallen. Bei manchen hakt nur ein Faden, meist das Wort, und das auch nur unter Stress. Bei anderen hakt es an mehreren Stellen gleichzeitig. Dann ist schon eine Wegbeschreibung über drei Ecken zu viel. Wer so stark betroffen ist, kann bei einer Neuropsychologin oder in einer Ergotherapiepraxis mit Schwerpunkt räumliche Orientierung herausfinden lassen, welcher Faden hakt. Nicht, weil etwas „kaputt“ ist, sondern weil man dann weiß, wo man ansetzen kann.

Und die Sache mit den Frauen?

Über Frauen und Orientierung gibt es viele Witze, und die sind meist eher sexistisch als lustig. Die Forschung ist differenzierter. In mehreren Studien schnitten Frauen im Durchschnitt bei Links-Rechts-Aufgaben etwas schlechter ab als Männer, unter anderem in der Belfaster Studie und in Untersuchungen von Sebastian Ocklenburg, Marco Hirnstein und Markus Hausmann. Andere Studien fanden keinen Unterschied. Und noch größer als der gemessene Unterschied ist der in der Selbsteinschätzung: Frauen schätzen sich deutlich unsicherer ein, als sie tatsächlich sind.

Wichtig ist: Ein kleiner Unterschied im Durchschnitt sagt über einzelne Menschen fast nichts. Viele Frauen unterscheiden links und rechts besser als viele Männer. Warum es den Durchschnittsunterschied gibt, ist noch nicht geklärt.

Was wirklich hilft

Einen Unterschied schaffen und ihn mit dem Wort verbinden. Wenn der Körper Asymmetrie braucht, kann man sie ihm geben: mit einer Uhr, einem Ring, einem Armband, das man immer auf derselben Seite trägt. Aber ein Anker allein reicht nicht. Mein Leberfleck hat mir jahrelang nur geholfen, wenn ich in Ruhe nachsehen konnte. Erst die Hand anschauen, dann überlegen, dann übersetzen. Unter Stress fällt genau dieser Zwischenschritt weg. Ein Anker hilft erst dann wirklich, wenn er so oft mit dem Wort zusammen geübt wurde, dass die Verbindung ohne Nachdenken greift. Also: Jedes Mal, wenn man die Uhr spürt oder sieht, innerlich „links“ sagen. Beim Anziehen, beim Händewaschen, beim Blick auf die Zeit.

Eselsbrücken, mit Einschränkung. Wenn du Daumen und Zeigefinger beider Hände ausstreckst, bildet nur die linke Hand ein richtiges „L“. Wer Spiegelschrift genauso gut liest wie normale Schrift, hat damit allerdings wenig gewonnen. Interessant: In der Belfaster Studie schnitten Studierende, die solche Tricks nutzten, im Test eher schlechter ab. Das spricht nicht gegen die Tricks. Es zeigt nur, dass vor allem die Menschen sie brauchen, denen links und rechts schwerfallen.

Bewegung plus Wort. Bewegung allein trainiert die Koordination, aber nicht automatisch den Begriff. Man kann wunderbar überkreuz laufen und trotzdem bei „links“ zögern. Wer üben will, sagt deshalb bei jeder Bewegung laut dazu, welche Seite gerade dran ist. Erst langsam, dann schneller. Und vor allem: oft. Das Lesen zeigt, wie viel Übung das Gehirn braucht, um Spiegelbilder auseinanderzuhalten.

Orte statt Richtungen. Wenn ich in der Stadt jemandem den Weg erkläre, sage ich nicht: „Geradeaus und an der zweiten Ecke links.“ Ich sage: „Am Aldi vorbei, dann bei der Apotheke um die Ecke.“ Der Aldi steht für alle am selben Platz, egal aus welcher Richtung man kommt und egal, wie sicher jemand links und rechts unterscheidet. Damit entlastest du gleich mehrere Fäden am Knoten auf einmal. Wer selbst einen Weg erfragt, kann um solche Orte bitten. Oder um eine kurze Skizze. Die dreht sich nicht im Kopf mit.

Kurz innehalten. Die meisten Fehler entstehen unter Zeitdruck und Ablenkung. Eine Sekunde Pause vor der Entscheidung hilft mehr als jede Übung.

Zeigen statt benennen. Das ist mehr als ein Notbehelf. Erinnerst du dich an den Knoten, an dem Raum und Wort zusammenkommen? Genau dort hakt es. Der Körper weiß, wo die Seite ist. Er weiß nur nicht, wie sie heißt. Wer zeigt, braucht das Wort nicht und umgeht damit die Stelle, die unter Stress wackelt. Das gilt auch beim Sehtest: Wer sich mit „rechts“ und „links“ schwertut, darf vorher fragen, ob Zeigen auch geht.

Doppelt absichern. In der Medizin werden Eingriffsstellen deshalb vorher markiert und mehrfach geprüft. Im Alltag reicht oft ein zweiter Hinweis: „Links, also Richtung Fenster.“

Was nicht hält, was es verspricht

Überkreuzbewegungen und liegende Acht. Überkreuzbewegungen, also etwa die linke Hand zum rechten Knie, machen Spaß, wecken die Gruppe auf und trainieren die Koordination. Dass sie eine Links-Rechts-Schwäche beheben, ist allerdings nicht belegt. Viele dieser Übungen stammen aus dem Programm Brain Gym, dessen Versprechen in Übersichtsarbeiten wie der von Keith Hyatt nicht bestätigt werden konnten. Ähnlich ist es mit der liegenden Acht. Sie wird oft mit dem Versprechen empfohlen, nach einigen Wochen regelmäßigen Laufens „sortiere sich das Gehirn neu“. Als Koordinationsübung ist sie schön. Für das Versprechen habe ich keine belastbaren Studien gefunden.

Bei mir selbst ist es mit viel Koordinationstraining deutlich besser geworden. Ob das an den Übungen liegt oder daran, dass ich mir das Thema ständig bewusst mache, kann ich nicht sagen. Und genau das ist der Punkt: Eine persönliche Erfahrung ist noch kein Beleg.

Das übersprungene Krabbeln. Die verbreitete Vorstellung, eine Links-Rechts-Schwäche entstehe, weil Babys das Krabbeln übersprungen haben, ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Augentraining. Auch das dominante Auge ist kein Schlüssel. Die Augendominanz selbst ist erstaunlich wackelig, und die Vermutung, dass ein instabiles Führungsauge zu mehr Fehlern bei gespiegelten Figuren führt, hat sich in einer Studie nicht bestätigt. Das sage ich als Sehtrainerin: Augentraining kann vieles, aber eine Links-Rechts-Schwäche zu beheben, gehört nach heutigem Stand nicht dazu.

Links und rechts im Seminar

Spiegle beim Vormachen. Wenn du der Gruppe gegenüberstehst und „rechte Hand“ sagst, hebe deine linke. So stimmen Wort und Bild für die Gruppe überein. Fitnesstrainerinnen machen das seit Jahrzehnten, im Seminar wird es oft vergessen.

Oder dreh dich um. Mit dem Rücken zur Gruppe vorzumachen ist die eindeutigste Lösung, zumindest für Bewegungsabläufe.

Online gilt dasselbe, mit einem Haken. Deine Teilnehmenden sehen dich wie im Raum, also gegenüber. Nur du siehst dich in vielen Videotools gespiegelt. Verlass dich beim Vormachen deshalb nicht auf dein eigenes Kamerabild. Es zeigt dir eine Ansicht, die sonst niemand sieht.

Nutze den Raum statt den Körper. „Geht zur Fensterseite“ funktioniert für alle gleich. „Geht nach rechts“ funktioniert für die Hälfte. Damit nutzt du genau die Orientierung an der Umgebung, mit der wir alle als Kinder gestartet sind.

Kein Bloßstellen. Wer bei einer Bewegungsübung die falsche Hand hebt, ist nicht unaufmerksam. Ein kurzes „Wer gerade gespiegelt denkt, hat übrigens auch recht“ nimmt den Druck raus. Und hilft beim nächsten Mal.

Was die Forschung trägt – und was nicht

Gut belegt ist, dass Links-Rechts-Unsicherheit bei gesunden Erwachsenen verbreitet ist und unter Ablenkung zunimmt. Gut belegt ist auch, dass unser Sehsystem Spiegelbilder von Natur aus gleich behandelt und dass Lesenlernen diese Gleichbehandlung für Buchstaben abbaut, selbst im Erwachsenenalter. Dass Sprache und Kultur prägen, wie Menschen Raum beschreiben und sich daran erinnern, ist ebenfalls gut untersucht. Hinweise gibt es darauf, dass eine stärkere Asymmetrie des Körpers die Unterscheidung erleichtert. Bei den Geschlechterunterschieden sind die Ergebnisse uneinheitlich, und die Unterschiede sind, wo es sie gibt, klein.

Für spezielle Übungen, die eine Links-Rechts-Schwäche beheben sollen, ob Überkreuzbewegungen, liegende Acht, Düfte oder Augentraining, gibt es keine belastbaren Belege. Die Tipps oben sind aus den Studien und aus der Praxis abgeleitet, als Werkzeuge und nicht als Therapie.

Fazit

Wer links und rechts verwechselt, ist nicht dümmer. Er hat ein Gehirn, das für eine Welt ohne links und rechts gebaut wurde, und ein System im Kopf, das erst spät gelernt wurde und unter Druck schnell wackelt. Im Seminar heißt das vor allem: Richtungen so ansagen, dass sie für alle funktionieren. Und vielleicht ab und zu daran denken, dass es Sprachen gibt, in denen niemand je „links“ sagen muss. Mein Leberfleck hätte dort nicht gefehlt. Und ich hätte ihn nicht auf die falsche Hand verlegen können.


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Wie Bewegung im Seminar so angeleitet wird, dass alle mitkommen und niemand sich vorgeführt fühlt, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren. Wie aus kleinen Fehlern im Seminar Lernmomente statt Peinlichkeiten werden, vertiefen wir in Gruppendynamik, Fehlerkultur und Motivation.

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Passend dazu: Jonglieren: Warum es gut für das Gehirn ist, Kippeln ist was Tolles und Fördert Rot die Erinnerung?

Literatur

Studien

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