Fördert Rot die Erinnerung?

Was an der Wirkung von Farben aufs Lernen dran ist, warum ein komplett markiertes Handout nichts bringt und wie Farbe im Seminar wirklich hilft

„Alles Wichtige habe ich markiert.“ Das Handout ist komplett gelb.

Kaffeepause, zweiter Seminartag. Ein Teilnehmer zeigt dir stolz sein Handout vom Vortag. Er hat alles Wichtige markiert. Das Handout ist gelb, und zwar fast vollständig. Dazwischen ein paar rote Unterstreichungen für das ganz Wichtige, und ein paar Ausrufezeichen für das ganz, ganz Wichtige.

Die Frage, welche Farbe beim Lernen am besten hilft, wird oft gestellt. Rot für die Erinnerung? Blau für die Konzentration? Die ehrliche Antwort: Die Farbe ist viel weniger wichtig als die Frage, wie viel davon auf der Seite ist.

Rot macht schlau. Oder doch nicht?

Die Forschung zu Farben und Denken hat eine bewegte Geschichte. 2009 sorgte eine Studie von Ravi Mehta und Rui Zhu im Fachjournal Science für Schlagzeilen. Mit einem roten Bildschirmhintergrund schnitten ihre Versuchspersonen bei Detailaufgaben besser ab, etwa beim Korrekturlesen und beim Erinnern von Wörtern. Mit einem blauen Hintergrund waren sie kreativer. Die Erklärung der Forschenden: Rot verbinden wir mit Gefahr, Fehlern und Vorsicht, das macht genauer. Blau verbinden wir mit Himmel und Weite, das macht offener.

Andere Studien fanden dagegen, dass Rot vor einem Test die Leistung verschlechtert, weil es an rote Korrekturen und Fehler erinnert. Rot hilft also beim Lernen. Oder es schadet. Je nachdem, welche Studie man liest.

Timo Gnambs hat die Studien zur Wirkung von Rot auf Testleistungen 2020 in einer Metaanalyse zusammengefasst. Sein Ergebnis: Die frühen Studien fanden teils deutliche Effekte, die neueren und größeren kaum noch. Insgesamt sind die Belege dafür, dass Rot die Denkleistung zuverlässig beeinflusst, dünn. Ganz ähnlich ging es mit vielen anderen Farbversprechen. Dass Violett die Konzentration steigert oder Blau grundsätzlich ruhiger macht, ist für das Lernen nicht belegt.

Was wirklich zählt: der Unterschied

Es gibt aber einen Befund zu Farbe und Gedächtnis, der seit fast hundert Jahren stabil ist. Und er hat mit der Farbe selbst gar nichts zu tun. Die Berliner Psychologin Hedwig von Restorff hat 1933 gezeigt: Was sich von seiner Umgebung abhebt, wird besser behalten. Ein rotes Wort in einer Liste schwarzer Wörter bleibt eher hängen. Aber nicht, weil es rot ist. Sondern weil es anders ist. Ein schwarzes Wort in einer Liste roter Wörter funktioniert genauso.

Genau hier liegt das Problem mit dem gelben Handout. Wenn alles markiert ist, hebt sich nichts mehr ab. Das Markieren verliert seine Wirkung in dem Moment, in dem es zur Gewohnheit wird. John Dunlosky und sein Team haben zehn verbreitete Lerntechniken auf ihre Wirksamkeit untersucht. Markieren und Unterstreichen landeten in der Gruppe mit geringem Nutzen, gemeinsam mit dem bloßen Wiederlesen. Nicht, weil Markieren grundsätzlich schadet. Sondern weil es sich nach Arbeit anfühlt, ohne viel Arbeit zu sein. Wer markiert, hat das Gefühl, den Text bearbeitet zu haben. Warum dieses Gefühl so oft täuscht, steht in Verstanden? Warum KI-Erklärungen sich wie Wissen anfühlen.

Farbe ordnet, wenn sie etwas bedeutet

Farben haben im Lernen trotzdem einen Platz. Nur einen anderen, als oft behauptet wird. Sie helfen, wenn sie Ordnung schaffen. Ich nutze zum Beispiel gern eine Ordnungsfarbe: Bei Begriffen oder Absätzen, die zusammengehören, markiere ich die Anfangsbuchstaben in derselben Farbe. So entsteht auf einen Blick eine Struktur, die ich sonst erst lesen müsste. Die Farbe trägt dann eine Bedeutung, und genau deshalb hilft sie.

Welche Farben man dafür nimmt, ist weniger wichtig, als dass man dabei bleibt. Ich mag zum Beispiel Violett und Gelb. Das ist Geschmack, keine Neurowissenschaft. Wie man mit einfachen Symbolen und Farbcodes Lerninhalte strukturiert, steht in Malen steigert die Gedächtnisleistung.

Und warum sehen wir überhaupt Blau?

Ein Seitenblick, der mich als Sprachwissenschaftlerin besonders fasziniert: Farbe entsteht nicht im Auge, sondern im Gehirn. Und die Sprache redet mit. Jonathan Winawer, Lera Boroditsky und ihr Team haben russische und englische Muttersprachler verglichen. Im Russischen gibt es zwei eigene Grundwörter für Hellblau und Dunkelblau, im Englischen nur eines. Die russischen Versuchspersonen unterschieden zwei Blautöne schneller voneinander, wenn diese in ihrer Sprache zu unterschiedlichen Farbwörtern gehörten. Bei den englischen Versuchspersonen gab es diesen Vorteil nicht. Englischsprachige sehen den Unterschied natürlich trotzdem. Aber ein eigenes Wort scheint die Wahrnehmung etwas schärfer zu stellen.

Für den Sprachunterricht ist das ein schöner Gedanke: Wer ein neues Wort lernt, lernt manchmal auch, etwas genauer hinzusehen. Mehr dazu, was im Gehirn beim Sprachenlernen passiert, steht in Warum Sprachenlernen so anspruchsvoll für das Gehirn ist.

So setzt du Farbe im Seminar ein

Markiere sparsam. Eine Hervorhebung pro Folie oder Seite wirkt. Fünf heben sich gegenseitig auf. Das gilt für deine Folien genauso wie für die Handouts der Teilnehmenden.

Gib Farben eine feste Bedeutung. Zum Beispiel: Grün steht immer für Beispiele, Orange immer für typische Stolperstellen. Wenn die Bedeutung über das ganze Seminar gleich bleibt, ordnet die Farbe mit, ohne dass jemand darüber nachdenken muss.

Mach das Markieren zur Denkaufgabe. Statt „Markiert das Wichtige“ lieber: „Markiert genau drei Stellen und sagt eurem Nachbarn, warum gerade diese.“ Die Begrenzung zwingt zur Entscheidung, und die Entscheidung ist das eigentliche Lernen.

Verlass dich nicht nur auf Farbe. Rund acht Prozent der Männer haben eine Rot-Grün-Sehschwäche. Wer Farbe als Code nutzt, ergänzt sie am besten durch ein Symbol, eine Form oder eine Position.

Was die Forschung trägt – und was nicht

Gut belegt ist, dass Unterschiede im Gedächtnis hängen bleiben, egal ob durch Farbe, Größe, Schrift oder Inhalt. Ebenso gut belegt ist, dass Markieren allein wenig bringt. Die Wirkung einzelner Farben auf Gedächtnis und Konzentration ist dagegen umstritten. Die Effekte aus frühen Studien ließen sich in neueren und größeren Studien oft nicht wiederholen. Viele verbreitete Farbversprechen, etwa zu Violett, Gelb oder Grün, beruhen eher auf Farbpsychologie aus dem Marketing als auf Lernforschung.

Die Studie zu den russischen Blautönen zeigt einen echten, aber kleinen Effekt der Sprache auf die Wahrnehmung, vor allem bei sehr ähnlichen Farbtönen. Die Tipps oben sind aus den Studien abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.

Fazit

Fördert Rot die Erinnerung? Nicht als Farbe. Aber als Unterschied, ja. Ein einziges rotes Wort auf einer Seite bleibt hängen. Eine rote Seite nicht. Das gelbe Handout aus der Kaffeepause hätte mit drei Markierungen mehr gebracht als mit dreihundert. Weniger Farbe, mehr Entscheidung: Das ist vermutlich der beste Farbtipp, den die Forschung hergibt.


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Passend dazu: Malen steigert die Gedächtnisleistung, Helfen Düfte beim Vokabellernen? und Warum vergessen wir so schnell?

Literatur

Aktuelle Studien und Übersichten

  • Gnambs, T. (2020). Limited evidence for the effect of red color on cognitive performance: A meta-analysis. Psychonomic Bulletin & Review, 27(6), 1374–1382. doi.org/10.3758/s13423-020-01772-1 (Deutschland)
  • Dunlosky, J., Rawson, K. A., Marsh, E. J., Nathan, M. J., & Willingham, D. T. (2013). Improving students’ learning with effective learning techniques: Promising directions from cognitive and educational psychology. Psychological Science in the Public Interest, 14(1), 4–58. doi.org/10.1177/1529100612453266 (USA)

Grundlagenforschung

  • Mehta, R., & Zhu, R. (2009). Blue or red? Exploring the effect of color on cognitive task performances. Science, 323(5918), 1226–1229. doi.org/10.1126/science.1169144 (Kanada)
  • Winawer, J., Witthoft, N., Frank, M. C., Wu, L., Wade, A. R., & Boroditsky, L. (2007). Russian blues reveal effects of language on color discrimination. PNAS, 104(19), 7780–7785. doi.org/10.1073/pnas.0701644104 (USA)
  • von Restorff, H. (1933). Über die Wirkung von Bereichsbildungen im Spurenfeld. Psychologische Forschung, 18, 299–342. (Deutschland)