Kippeln ist was Tolles

Warum Unruhe im Seminar ein Signal ist und keine Störung, und wie du lernst, sie zu lesen

Einer kippelt. Und du denkst: Der ist raus.

Tag zwei, kurz nach dem Mittagessen. Du erklärst das Modell, auf dem der ganze Nachmittag aufbaut. Hinten links kippelt ein Teilnehmer mit dem Stuhl, vorne wippt ein Fuß unter dem Tisch, irgendwo klickt ein Kuli. Und in deinem Kopf meldet sich der alte Satz aus der Schulzeit: „Hör auf zu kippeln!“ Im Seminar sagt ihn niemand mehr laut. Der Blick sagt ihn trotzdem.

Dahinter steckt eine Gleichung, die wir alle gelernt haben: Wer still sitzt, passt auf. Wer zappelt, nicht. Die Forschung sieht das deutlich differenzierter. Unruhe kann heißen, dass jemand gerade aussteigt. Sie kann aber genauso heißen, dass jemand sich gerade wieder reinholt. Vielleicht ist der Teilnehmer hinten links gar nicht raus. Vielleicht kippelt er sich gerade wieder rein.

Stillsitzen ist keine Pause fürs Gehirn

Stillsitzen fühlt sich passiv an. Für das Gehirn ist es Arbeit. Den Drang zu unterdrücken, sich zu bewegen, ist eine Form von Selbstkontrolle. Und Selbstkontrolle gehört zu den exekutiven Funktionen, demselben System, das auch Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis steuert. Die Entwicklungsforscherin Adele Diamond beschreibt in ihrem viel zitierten Überblick, wie eng diese Funktionen zusammenhängen: Hemmung und Arbeitsgedächtnis stützen sich gegenseitig.

Für den Seminarraum heißt das: Wer sich zwingt, regungslos zu sitzen, bezahlt dafür mit genau der Ressource, die er eigentlich für dein Modell bräuchte. Wir verlangen Stillsitzen, damit Menschen sich konzentrieren können. Und dann geht ein Teil der Konzentration fürs Stillsitzen drauf.

Bewegung kann beim Denken helfen

Am deutlichsten zeigt sich das bei ADHS. Dustin Sarver und sein Team an der University of Central Florida ließen Jungen zwischen 8 und 12 Jahren Arbeitsgedächtnis-Aufgaben lösen und maßen dabei, wie viel sie sich bewegten. Bei den Kindern mit ADHS galt: Je mehr sie sich bewegten, desto besser schnitten sie ab. Nicht so gut wie Kinder ohne ADHS, aber deutlich besser als in ihren eigenen stillen Phasen. Die Forschenden deuten die Bewegung deshalb nicht als Störung, sondern als Ausgleich, und raten davon ab, sie bei Denkaufgaben vorschnell zu unterbinden. Wie sich ADHS bei Erwachsenen im Seminar zeigt, habe ich in ADHS bei erwachsenen Lernenden beschrieben.

Auch ohne ADHS kann eine kleine Nebenbewegung helfen. Jackie Andrade von der University of Plymouth ließ 40 Erwachsene eine monotone Telefonnachricht anhören. Die Hälfte durfte dabei Formen auf einem Blatt ausmalen. Im unangekündigten Gedächtnistest danach erinnerten sich die Kritzelnden an 29 Prozent mehr Informationen. Andrades Erklärung: Die Hände beschäftigen das Gehirn gerade so viel, dass es nicht ins Tagträumen abdriftet. Mehr dazu in Malen steigert die Gedächtnisleistung.

Und das Kippeln selbst? Kippeln ist vor allem eine Gleichgewichtsübung. Der Stuhl steht auf zwei Beinen, der Körper steuert ständig minimal nach. Zuständig dafür ist das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, und wie eng es mit Orientierung und Gedächtnis verdrahtet ist, steht in Das unterschätzte Lernorgan: Was in unseren Ohren steckt. Wer kippelt, gibt einem Sinnesorgan Arbeit, das nach einer Stunde Sitzen kaum etwas zu melden hatte.

Aber Unruhe kann auch heißen: Der ist wirklich weg

Jetzt wird es unbequem. Dieselbe Forschung zeigt nämlich auch die andere Seite. Paul Seli und sein Team an der University of Waterloo ließen Erwachsene auf einem Balance Board sitzen, während sie eine eintönige Aufgabe erledigten, und fragten zwischendurch, wo sie gedanklich gerade waren. Wenn die Gedanken weit abschweiften, nahm das Zappeln zu. Bei leichtem Abschweifen noch nicht.

James Farley, Evan Risko und Alan Kingstone filmten Teilnehmende, während sie eine 40-minütige Vorlesung als Video sahen. Mit der Zeit sank die Aufmerksamkeit, vom Stoff blieb weniger hängen, und das Zappeln nahm zu.

Unruhe ist also kein eindeutiges Zeichen. Sie kann Selbstregulation sein oder Abschied. Genau deshalb lohnt es sich nicht, sie zu bekämpfen. Es lohnt sich, sie zu lesen.

Stillsein beweist so wenig wie Zappeln

Der Teilnehmer, der kippelt, ist selten dein größtes Problem. Schau auf die Frau, die seit vierzig Minuten regungslos nach vorne blickt. Sie stört nicht, sie nickt sogar ab und zu. Ob sie noch denkt, weißt du nicht.

Ruhe im Raum fühlt sich nach Aufmerksamkeit an, so wie Nicken sich nach Verstehen anfühlt. Warum das täuscht, habe ich in Verstanden? Warum KI-Erklärungen sich wie Wissen anfühlen beschrieben. Ob jemand dabei ist, zeigt dir weder der stille Stuhl noch der kippelnde. Das zeigt dir erst eine Aufgabe.

Und jetzt alle aufstehen?

Die naheliegende Konsequenz wäre: mehr Bewegung einbauen. Viele Trainer:innen versuchen genau das.

„Steht bitte mal alle auf.“ Zwölf Erwachsene schauen dich an, als hättest du Topfschlagen vorgeschlagen.

Bewegung im Seminar scheitert selten an der Übung. Sie scheitert daran, wie sie eingeführt wird. Bevor du also Bewegung verordnest, lohnt sich ein Schritt davor: die Bewegung zuzulassen, die ohnehin schon im Raum ist.

So liest du die Unruhe im Raum

Sprich die Bewegungserlaubnis aus. Sag gleich zu Beginn: „Ihr dürft hier jederzeit aufstehen, euch hinten hinstellen, euch strecken. Niemand muss das erklären.“ Das kostet dich zehn Sekunden und nimmt der Bewegung das Heimliche. Wer sich dann bewegt, muss nicht mehr gleichzeitig zuhören und Unauffälligkeit spielen.

Schau auf die Uhr, nicht auf den Stuhl. Wird der ganze Raum mit der Dauer deines Inputs unruhiger, ist das kein Problem einzelner Teilnehmender. Es ist eine Rückmeldung zu deiner Inputphase. Dann hilft kein Ermahnen, sondern ein Wechsel.

Unterscheide zwischen einem und allen. Einer kippelt, der Rest arbeitet konzentriert: Das ist meistens Selbstregulation. Lass ihn. Werden alle gleichzeitig unruhig, hat der Raum dir gerade etwas gesagt.

Gib den Händen etwas zu tun. Ein Blatt zum Kritzeln, ein Handout mit breitem Rand, ein Stift. Kein Spielzeug, keine große Geste. Für manche ist genau das der Unterschied zwischen Zuhören und Abdriften.

Biete Stehplätze an. Ein Stehtisch hinten, die Fensterbank, eine freie Wand. In einer Studie mit 282 Grundschulkindern in Texas schadeten Stehpulte, an denen die Kinder frei zwischen Sitzen und Stehen wählen konnten, der Mitarbeit nicht. Erste Auswertungen deuteten sogar auf mehr Beteiligung hin. Für Erwachsene ist ein Stehplatz oft die unauffälligste Form, sich zu bewegen.

Was die Forschung trägt – und was nicht

Eine Studie, die Kippeln selbst untersucht, gibt es meines Wissens nicht. Die Belege stammen aus Nachbarfeldern, und jede Studie hat ihre Grenzen. Sarver und sein Team untersuchten 52 Jungen, davon 29 mit ADHS, im Labor. Ob sich das auf Erwachsene ohne ADHS übertragen lässt, ist offen. Andrades Kritzelstudie ist klein und lief mit einer einzigen langweiligen Aufgabe. Die Stehpult-Studie war eine explorative Untersuchung an Grundschulen. Und dass Stillsitzen Konzentration kostet, ist eine Ableitung aus der Forschung zu exekutiven Funktionen, kein direkt gemessener Effekt.

Seli und Farley zeigen dafür sehr klar, dass Zappeln auch ein Zeichen von Abschweifen sein kann. Zusammen ergibt sich trotzdem ein eindeutiges Bild: Bewegung ist kein verlässliches Zeichen für Unaufmerksamkeit, und Stillsitzen ist kein verlässliches Zeichen für Aufmerksamkeit. Die Wege oben sind daraus abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.

Und ganz praktisch: Kippeln ist was Tolles. Nach hinten umfallen nicht. Wer gern kippelt, sitzt am besten mit der Stuhllehne vor einer Wand.

Fazit

Wenn jemand kippelt, wippt oder kritzelt, ist das kein Urteil über dein Seminar. Es ist eine Information. Manchmal heißt sie: Der Input ist zu lang. Manchmal heißt sie: Hier arbeitet jemand gerade daran, dranzubleiben. Die bessere Frage ist also nicht „Wie kriege ich Ruhe rein?“, sondern „Was sagt mir die Unruhe gerade?“

Über Bewegung im Unterricht habe ich auch mit Diana Fuchs vom Fränkischen Sonntag gesprochen. Das Interview findest du hier. Weitere Presseberichte gibt es unter Medienberichte.


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Wie kleine Bewegungsimpulse das Gehirn wieder aufnahmefähig machen und wie du sie so einbettest, dass eine Gruppe mitgeht statt die Augen zu verdrehen, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren. Ziel ist nicht Unterhaltung, sondern Konzentration und Präsenz.

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Passend dazu: Das unterschätzte Lernorgan: Was in unseren Ohren steckt, ADHS bei erwachsenen Lernenden und Malen steigert die Gedächtnisleistung

Literatur

Studien

  • Sarver, D. E., Rapport, M. D., Kofler, M. J., Raiker, J. S., & Friedman, L. M. (2015). Hyperactivity in attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): Impairing deficit or compensatory behavior? Journal of Abnormal Child Psychology, 43(7), 1219–1232. doi.org/10.1007/s10802-015-0011-1 (USA)
  • Dornhecker, M., Blake, J. J., Benden, M., Zhao, H., & Wendel, M. (2015). The effect of stand-biased desks on academic engagement: An exploratory study. International Journal of Health Promotion and Education, 53(5), 271–280. doi.org/10.1080/14635240.2015.1029641 (USA)
  • Seli, P., Carriere, J. S. A., Thomson, D. R., Cheyne, J. A., Ehgoetz Martens, K. A., & Smilek, D. (2014). Restless mind, restless body. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 40(3), 660–668. doi.org/10.1037/a0035260 (Kanada)
  • Farley, J., Risko, E. F., & Kingstone, A. (2013). Everyday attention and lecture retention: The effects of time, fidgeting, and mind wandering. Frontiers in Psychology, 4, 619. doi.org/10.3389/fpsyg.2013.00619 (Kanada)
  • Andrade, J. (2010). What does doodling do? Applied Cognitive Psychology, 24(1), 100–106. doi.org/10.1002/acp.1561 (Großbritannien)

Grundlagenforschung