Was Jonglieren im Gehirn verändert, warum dabei das Neue wichtiger ist als die Übung und warum ein Ball, der runterfällt, im Seminar mehr bewirken kann als einer, der oben bleibt
Zwölf Erwachsene, 36 Bälle. Nach zehn Sekunden liegen alle auf dem Boden.
Nach der Mittagspause verteilst du Jonglierbälle. Drei für jede Person. Ein kurzer Blick in die Runde sagt alles: „Ernsthaft?“ Dann der erste Versuch. Nach zehn Sekunden rollen die Bälle unter Tische, Stühle und Flipcharts. Jemand kriecht unter den Beamertisch. Alle lachen. Und plötzlich ist die Gruppe wach.
Jonglieren ist eine der wenigen Tätigkeiten, bei denen Erwachsene zehnmal pro Minute scheitern und trotzdem weitermachen wollen. Allein das macht es für das Lernen interessant. Aber es passiert auch im Gehirn etwas, und das ist erstaunlich gut untersucht.
Drei Monate Jonglieren, und das Gehirn verändert sich
Bogdan Draganski, Arne May und ihr Team haben 2004 eine Studie veröffentlicht, die damals für Aufsehen sorgte. Sie ließen junge Erwachsene drei Monate lang Jonglieren lernen, die klassische Kaskade mit drei Bällen, und untersuchten ihr Gehirn vorher und nachher im Kernspintomografen. Nach drei Monaten hatte bei den Jongleuren die graue Substanz in Hirnregionen zugenommen, die Bewegung im Sichtfeld verarbeiten. In der Vergleichsgruppe ohne Jonglieren tat sich nichts. Und dann der zweite Teil: Nach drei weiteren Monaten ohne Jonglieren hatte sich der Zuwachs wieder zurückgebildet.
Das war einer der ersten Belege dafür, dass sich das erwachsene Gehirn durch das Lernen einer neuen Fähigkeit sichtbar verändert. Und dass es sich wieder zurückverändert, wenn man aufhört.
Auch mit 60 noch
Die Arbeitsgruppe um Arne May, inzwischen in Hamburg, hat das später mit älteren Menschen wiederholt. Janina Boyke und ihr Team brachten Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 60 Jahren das Jonglieren bei. Die Älteren lernten es langsamer und weniger perfekt als die Jüngeren. Ihr Gehirn veränderte sich aber in derselben Region. Und bei ihnen kam noch etwas dazu: Auch im Hippocampus, einer für das Gedächtnis zentralen Struktur, nahm die graue Substanz vorübergehend zu. Wer sagt „In meinem Alter lerne ich das nicht mehr“, hat mit dem ersten Teil des Satzes manchmal recht. Mit dem zweiten nicht. Mehr dazu in Gehirngerechtes Lernen im Alter: Was wirklich zählt.
Nicht die Perfektion zählt, sondern das Neue
Zwei weitere Befunde sind für Lehrende besonders spannend. Jan Scholz, Heidi Johansen-Berg und ihr Team in Oxford ließen Erwachsene sechs Wochen lang täglich eine halbe Stunde Jonglieren üben. Danach zeigten sich nicht nur Veränderungen in der grauen Substanz, sondern auch in den Nervenverbindungen, der weißen Substanz. Und zwar bei allen, die geübt hatten, egal wie gut sie am Ende jonglieren konnten.
Joenna Driemeyer und ihr Team in Hamburg fanden erste Veränderungen sogar schon nach sieben Tagen. Ihr Fazit: Für das Gehirn ist es offenbar entscheidender, etwas Neues zu lernen, als etwas schon Gelerntes immer weiter zu trainieren. Das passt zu dem, was die Forschung auch beim Gehirnjogging und beim Tanzen zeigt. Mehr dazu in Gehirnjogging: Warum Sudoku allein nicht reicht.
Oder anders gesagt: Die Bälle, die runterfallen, sind kein Zeichen, dass es nicht klappt. Sie sind das Zeichen, dass gerade gelernt wird.
Jonglieren und räumliches Denken
Bleibt die Frage, ob sich das auch auf andere Fähigkeiten auswirkt. Petra Jansen und ihr Team an der Universität Regensburg haben das für das räumliche Vorstellungsvermögen untersucht. Erwachsene, die drei Monate lang Jonglieren lernten, konnten danach Figuren im Kopf schneller drehen als eine Vergleichsgruppe ohne Training. Ein ähnliches Ergebnis fand das Team bei Mädchen im Schulalter, verglichen mit einer Gruppe, die stattdessen Kräftigungsübungen machte. Räumliches Vorstellungsvermögen hängt unter anderem mit Mathematik und technischem Verständnis zusammen.
Und das Gleichgewicht?
Jonglieren trainiert vor allem das Zusammenspiel von Auge und Hand. Richtig spannend wird es, wenn das Gleichgewicht dazukommt: Jonglieren auf einem Bein, beim Gehen oder auf einem wackeligen Untergrund. Dass Gleichgewichtstraining dem Gehirn guttut, zeigt eine Studie von Ann-Kathrin Rogge und ihrem Team in Hamburg. 40 Erwachsene zwischen 19 und 65 Jahren trainierten zwölf Wochen lang entweder anspruchsvolle Gleichgewichtsübungen oder Entspannung. Nur die Gleichgewichtsgruppe verbesserte sich danach bei Gedächtnis- und Raumvorstellungsaufgaben, obwohl sich ihre Ausdauer nicht verändert hatte. Die Forschenden vermuten, dass das Gleichgewichtsorgan dabei eine Rolle spielt, das direkt mit Gedächtnisregionen verbunden ist. Mehr dazu in Das unterschätzte Lernorgan: Was in unseren Ohren steckt und Kippeln ist was Tolles.
So bringst du Jonglieren ins Seminar
Fang mit Tüchern an. Jongliertücher fallen langsam. Wer mit Bällen startet, erlebt vor allem Frust. Mit Tüchern gelingt den meisten nach wenigen Minuten der erste Durchgang, und das motiviert.
Mach das Runterfallen zum Programm. Sag es vorher: „Ihr werdet die Bälle ständig fallen lassen. Das ist der Plan.“ So wird aus dem Scheitern ein gemeinsames Erlebnis statt einer Blamage. Genau darum geht es auch in meinem Format zur Fehlerkultur.
Kombiniere mit Gleichgewicht. Wer zwei Tücher sicher hat, probiert es auf einem Bein. Das fordert Konzentration auf ganz neue Weise, und die Gruppe ist danach wach.
Kurz halten, oft wiederholen. Fünf Minuten nach der Mittagspause, an jedem Seminartag. Die Studien zeigen: Die Veränderungen entstehen durch regelmäßiges Üben, nicht durch einen einzigen langen Block.
Mach es freiwillig. Nicht alle können oder wollen. Wer nicht mitmacht, wirft eben einen Ball von Hand zu Hand. Wie Bewegung im Seminar gelingt, ohne dass jemand „zu kindisch“ sagt, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren.
Was die Forschung trägt – und was nicht
Dass Jonglierenlernen das Gehirn messbar verändert, ist in mehreren Studien gezeigt worden. Die Gruppen waren allerdings klein, und gemessen wurde die Struktur des Gehirns, nicht direkt die Leistung im Alltag. Die Veränderungen bildeten sich zurück, wenn nicht weiter geübt wurde. Dass Jonglieren das räumliche Vorstellungsvermögen verbessert, zeigen bisher vor allem Studien aus einer Arbeitsgruppe.
Für die Konzentration im Seminar gibt es keine Studie, die Jonglieren direkt untersucht hat. Dass ein paar Minuten Jonglieren eine Gruppe wach macht und die Stimmung verändert, ist meine Erfahrung aus vielen Seminaren, aber kein Forschungsergebnis. Die Tipps oben sind aus den Studien und aus der Praxis abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.
Fazit
Jonglieren ist mehr als ein Partytrick. Es ist eine der am besten untersuchten Arten, dem Gehirn beim Lernen zuzusehen. Und es zeigt etwas, das für jedes Seminar gilt: Das Gehirn verändert sich vor allem dann, wenn es etwas Neues lernen muss, und das Neue fühlt sich am Anfang nach Scheitern an. Die 36 Bälle unter den Tischen waren also kein Chaos. Sie waren der Anfang.
Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?
Wie Bewegung, Koordination und Gleichgewicht so ins Seminar eingebaut werden, dass sie Konzentration schaffen statt Zeit zu kosten, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren. Wie aus Fehlern ein Lernmotor wird, vertiefen wir in Gruppendynamik, Fehlerkultur und Motivation.
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Passend dazu: Kippeln ist was Tolles, Gehirnjogging: Warum Sudoku allein nicht reicht und Das unterschätzte Lernorgan: Was in unseren Ohren steckt
Literatur
Studien
- Rogge, A.-K., Röder, B., Zech, A., Nagel, V., Hollander, K., Braumann, K.-M., & Hötting, K. (2017). Balance training improves memory and spatial cognition in healthy adults. Scientific Reports, 7, 5661. doi.org/10.1038/s41598-017-06071-9 (Deutschland)
- Jansen, P., Lange, L., & Heil, M. (2011). The influence of juggling on mental rotation performance in children. Biomedical Human Kinetics, 3, 18–22. doi.org/10.2478/v10101-011-0005-6 (Deutschland)
- Scholz, J., Klein, M. C., Behrens, T. E. J., & Johansen-Berg, H. (2009). Training induces changes in white-matter architecture. Nature Neuroscience, 12, 1370–1371. doi.org/10.1038/nn.2412 (Großbritannien)
- Jansen, P., Titze, C., & Heil, M. (2009). The influence of juggling on mental rotation performance. International Journal of Sport Psychology, 40(2), 351–359. (Deutschland)
- Boyke, J., Driemeyer, J., Gaser, C., Büchel, C., & May, A. (2008). Training-induced brain structure changes in the elderly. Journal of Neuroscience, 28(28), 7031–7035. doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0742-08.2008 (Deutschland)
- Driemeyer, J., Boyke, J., Gaser, C., Büchel, C., & May, A. (2008). Changes in gray matter induced by learning – revisited. PLoS ONE, 3(7), e2669. doi.org/10.1371/journal.pone.0002669 (Deutschland)
Grundlagenforschung
- Draganski, B., Gaser, C., Busch, V., Schuierer, G., Bogdahn, U., & May, A. (2004). Neuroplasticity: Changes in grey matter induced by training. Nature, 427, 311–312. (Deutschland)