Gehirnjogging mit oder ohne Bewegung
Warum Gehirntraining vor allem das Training trainiert und was stattdessen hilft: Neues lernen, sich bewegen, und beides ernst nehmen
„Ich mach jeden Morgen mein Sudoku. Damit der Kopf fit bleibt.“
Kaffeepause im Abendkurs. Eine Teilnehmerin zeigt dir stolz ihr Handy: 400 Tage am Stück Gehirnjogging, jeden Morgen, ohne Ausnahme. Die schweren Sudokus schafft sie inzwischen in zwölf Minuten. Zehn Minuten später sitzt ihr dieselbe Frau gegenüber und sucht nach dem Begriff, den ihr vor einer halben Stunde gemeinsam erarbeitet habt.
Das ist kein Widerspruch. Es ist genau das, was die Forschung erwarten lässt. Wer jeden Tag Sudoku spielt, wird richtig gut. Im Sudoku.
Gehirntraining trainiert vor allem: das Training
Den bekanntesten Test dazu hat Adrian Owen mit seinem Team in Cambridge gemacht, gemeinsam mit einer Wissenschaftssendung der BBC. 11.430 Erwachsene zwischen 18 und 60 Jahren trainierten sechs Wochen lang mehrmals pro Woche am Computer Gedächtnis, Logik, Planen und Aufmerksamkeit. Die Aufgaben wurden mit jedem Fortschritt schwerer. Und die Teilnehmenden wurden tatsächlich besser, in genau diesen Aufgaben. Bei anderen Denkaufgaben, die sie nicht trainiert hatten, zeigte sich dagegen kaum ein Unterschied, selbst wenn diese den Trainingsaufgaben ähnelten. Die Kontrollgruppe, die nur Quizfragen im Internet recherchiert hatte, schnitt nicht schlechter ab.
Daniel Simons und sein Team an der University of Illinois haben später über 130 Studien ausgewertet, darunter auch die, auf die sich Anbieter von Gehirntraining selbst berufen. Ihr Ergebnis: Viele Belege dafür, dass Menschen in den trainierten Aufgaben besser werden. Kaum Belege dafür, dass sich das auf den Alltag überträgt, auf Beruf, Schule oder das Gedächtnis im Gespräch.
Wie groß der Abstand zwischen Werbeversprechen und Forschungslage sein kann, zeigt ein Fall aus den USA. 2016 zahlte der Hersteller der bekannten App Lumosity zwei Millionen Dollar, um ein Verfahren der Verbraucherschutzbehörde FTC beizulegen. Die Behörde warf dem Unternehmen vor, ohne ausreichende Belege versprochen zu haben, die Spiele verbesserten die Leistung in Schule und Beruf und könnten Demenz hinauszögern.
Das kennst du aus dem Seminar
Was beim Gehirnjogging passiert, ist kein Sonderproblem von Apps. Es ist das Grundproblem jedes Trainings. Die Fachsprache nennt es Transfer: Überträgt sich das Geübte auf neue Situationen?
Im Seminar funktioniert die Gesprächsstrategie in der Partnerübung. In der Teambesprechung am nächsten Montag nicht. Die Gruppe beherrscht das Modell im Rollenspiel. Im echten Kundengespräch ist es weg. Wer eine Sache übt, wird gut in dieser Sache. Ob er auch woanders gut wird, entscheidet sich nicht beim Üben, sondern daran, wie nah das Üben an der Situation ist, in der es gebraucht wird. Mehr dazu in Warum gute Methoden im Training nicht wirken und Rückfallmanagement beim Lernen.
Sudoku ist dafür das perfekte Beispiel. Es trainiert Sudoku. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Was stattdessen hilft: Neues, das anstrengt
Wenn Rätsel allein nicht reichen, was dann? Denise Park und ihr Team an der University of Texas in Dallas haben 221 Menschen zwischen 60 und 90 Jahren drei Monate lang begleitet. Einige lernten etwas Neues und Anspruchsvolles, nämlich digitale Fotografie mit Bildbearbeitung, Quilten oder beides, im Schnitt rund 15 Stunden pro Woche. Andere trafen sich in einer geselligen Gruppe oder machten allein leichte Aufgaben wie einfache Spiele oder klassische Musik hören.
Am Ende hatte sich das Gedächtnis für Erlebtes nur in den Gruppen verbessert, die etwas Neues und Forderndes gelernt hatten. Am deutlichsten bei der Fotografie, der kognitiv anspruchsvollsten Tätigkeit. Die gesellige Gruppe profitierte dagegen kaum, für die Forschenden selbst eine Überraschung.
Das ist der eigentliche Unterschied zum Sudoku. Wer jeden Morgen dasselbe Rätselformat löst, bewegt sich nach einiger Zeit in einer Routine. Wer eine neue Fähigkeit lernt, muss sich ständig neu orientieren, sich Abläufe merken, Fehler korrigieren, nachfragen. Genau das ist anstrengend. Und genau das wirkt. Mehr dazu, wie Lernen im Alter gelingt, in Gehirngerechtes Lernen im Alter: Was wirklich zählt.
Und die Bewegung?
Der zweite große Hebel sitzt nicht im Kopf, sondern in den Beinen. Kirk Erickson und sein Team ließen 120 ältere Erwachsene ein Jahr lang entweder dreimal pro Woche zügig gehen oder Dehn- und Kräftigungsübungen machen. In der Gehgruppe wuchs der vordere Teil des Hippocampus, einer für das Gedächtnis zentralen Hirnregion, um rund zwei Prozent. In der Vergleichsgruppe schrumpfte er um etwa 1,4 Prozent, so wie es im Alter üblich ist. Beim räumlichen Gedächtnis verbesserten sich allerdings beide Gruppen, der Unterschied war dort weniger klar.
Und dann ist da noch das Tanzen. Kathrin Rehfeld und ihr Team in Magdeburg verglichen über 18 Monate zwei Gruppen älterer Menschen. Die eine machte klassisches Fitnesstraining, die andere lernte Tanzen, mit ständig wechselnden Choreografien aus Jazz, Latein, Square und Line Dance. Bei beiden Gruppen nahm das Volumen im Hippocampus zu. Aber nur die Tanzgruppe verbesserte zusätzlich ihr Gleichgewicht.
Bemerkenswert ist das Detail mit den wechselnden Schritten. Die Tanzenden durften sich nie an eine Routine gewöhnen. Sie mussten immer wieder Neues lernen, sich merken und im Raum umsetzen. Bewegung plus Neues, das ist im Grunde die Kombination aus den beiden Abschnitten oben.
Was das für Unterricht und Seminare bedeutet
1. Übe, was gebraucht wird. Ein Lernspiel, das Spaß macht, trainiert zunächst einmal das Lernspiel. Wenn eine Fähigkeit im Alltag gebraucht wird, braucht sie Übungsaufgaben, die diesem Alltag möglichst nahe kommen.
2. Lass es anstrengend sein. Zu leichte Aufgaben fühlen sich gut an und bewirken wenig. Das gilt für Sudoku wie für Seminare. Anspruchsvoll heißt nicht überfordernd, aber es heißt: Die Gruppe muss sich strecken.
3. Variiere, bevor es Routine wird. Die Tanzgruppe bekam ständig neue Choreografien. Im Seminar heißt das: dieselbe Sache in neuen Situationen anwenden, nicht dieselbe Übung zum fünften Mal wiederholen.
4. Behandle Bewegung als Lernbedingung, nicht als Pausenfüller. Bewegung ist kein Bonus, den man streicht, wenn die Zeit knapp wird. Warum schon kleine Bewegungen im Seminar etwas bewirken, steht in Kippeln ist was Tolles.
Was die Forschung trägt – und was nicht
Dass Gehirntraining vor allem die trainierten Aufgaben verbessert, ist inzwischen gut belegt. Simons und sein Team betonen allerdings auch, dass viele Studien methodische Schwächen haben, und zwar auf beiden Seiten der Debatte. Ein endgültiges „wirkt gar nicht“ gibt die Forschung also nicht her, ein „wirkt im Alltag“ aber erst recht nicht.
Die Studien zu Neuem und Bewegung haben eigene Grenzen. Die Synapse-Studie von Park lief über drei Monate mit sehr hohem Zeitaufwand. Ericksons Studie zeigt eine deutliche Veränderung im Gehirn, aber einen weniger eindeutigen Effekt aufs Gedächtnis. Und Rehfelds Studie hat kleine Gruppen. Fast alle Studien hier wurden mit älteren Menschen gemacht. Für jüngere Erwachsene sind die Effekte weniger gut untersucht.
Zusammen ergibt sich trotzdem ein klares Bild: Neues, anspruchsvolles Lernen und regelmäßige Bewegung sind deutlich besser belegt als Rätsel-Apps. Die Konsequenzen oben sind daraus abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.
Fazit
Sudoku schadet nicht. Es macht Spaß, und das ist ein guter Grund. Nur hält es nicht den ganzen Kopf fit, sondern vor allem den Teil, der Sudoku löst. Wer geistig beweglich bleiben will, braucht Neues, das anstrengt, und Bewegung, die mehr ist als der Weg zur Kaffeemaschine. Die Teilnehmerin mit den 400 Tagen Gehirnjogging sitzt übrigens schon an der richtigen Stelle: in einem Kurs, in dem sie etwas Neues lernt.
Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?
Wie Übungen so gestaltet werden, dass sie nicht nur im Seminar funktionieren, sondern im Alltag ankommen, und wie Bewegung dabei zur Lernbedingung wird, ist Kern von Gehirneffizientes Lehren. Wie Wissen langfristig verankert wird, vertiefen wir in Zukunftslernen.
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Passend dazu: Gehirngerechtes Lernen im Alter: Was wirklich zählt, Warum gute Methoden im Training nicht wirken und Kippeln ist was Tolles
Literatur
Studien und Übersichten
- Rehfeld, K., Müller, P., Aye, N., Schmicker, M., Dordevic, M., Kaufmann, J., Hökelmann, A., & Müller, N. G. (2017). Dancing or fitness sport? The effects of two training programs on hippocampal plasticity and balance abilities in healthy seniors. Frontiers in Human Neuroscience, 11, 305. doi.org/10.3389/fnhum.2017.00305 (Deutschland)
- Simons, D. J., Boot, W. R., Charness, N., Gathercole, S. E., Chabris, C. F., Hambrick, D. Z., & Stine-Morrow, E. A. L. (2016). Do „brain-training“ programs work? Psychological Science in the Public Interest, 17(3), 103–186. doi.org/10.1177/1529100616661983 (USA)
- Park, D. C., Lodi-Smith, J., Drew, L., Haber, S., Hebrank, A., Bischof, G. N., & Aamodt, W. (2014). The impact of sustained engagement on cognitive function in older adults: The Synapse Project. Psychological Science, 25(1), 103–112. doi.org/10.1177/0956797613499592 (USA)
- Erickson, K. I., Voss, M. W., Prakash, R. S., et al. (2011). Exercise training increases size of hippocampus and improves memory. PNAS, 108(7), 3017–3022. doi.org/10.1073/pnas.1015950108 (USA)
- Owen, A. M., Hampshire, A., Grahn, J. A., Stenton, R., Dajani, S., Burns, A. S., Howard, R. J., & Ballard, C. G. (2010). Putting brain training to the test. Nature, 465(7299), 775–778. doi.org/10.1038/nature09042 (Großbritannien)