ADHS bei erwachsenen Lernenden

Dritte Stunde im Abendkurs. Ein Teilnehmer hat gerade die klügste Frage des Abends gestellt. Zehn Minuten später dreht er seinen Kuli, schaut aus dem Fenster und bekommt von der Arbeitsanweisung ungefähr so viel mit wie vom Wetterbericht in Neuseeland. Die Hausaufgabe von letzter Woche? „Total vergessen, sorry.“ Das Referatsthema, das ihn wirklich interessiert? In einer Nacht durchgearbeitet. Desinteresse sieht anders aus. Was du hier beobachtest, kann zu ADHS passen. Auch bei Erwachsenen, auch bei sehr klugen Menschen und auch bei denen, bei denen niemand auf die Idee käme, dass Aufmerksamkeit überhaupt ein Problem sein könnte. Das Spannende für uns als Kursleitung: Vieles von dem, was Menschen mit ADHS das Lernen schwer macht, können wir direkt beeinflussen. Nicht mit Sonderbehandlung, sondern mit guter Didaktik. Und davon profitiert meist die ganze Gruppe. Eingefügtes Markdown

Kein Mangel an Aufmerksamkeit, sondern an Steuerung

ADHS verschwindet nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag. Die sichtbare Unruhe wird bei Erwachsenen oft kleiner, dafür sitzt die Unruhe stärker im Kopf. Was häufig bleibt, sind Schwierigkeiten mit den exekutiven Funktionen, also mit der Managementabteilung des Gehirns: Eine Aufgabe anfangen, dranbleiben, Ablenkungen ausblenden, Informationen kurz festhalten, Zeit einschätzen. Der Begriff Aufmerksamkeitsdefizit führt deshalb leicht in die falsche Richtung. Menschen mit ADHS können sehr aufmerksam sein. Manchmal sogar beeindruckend aufmerksam. Das Problem ist eher, die Aufmerksamkeit willentlich dorthin zu schicken, wo sie gerade gebraucht wird. Eingefügtes Markdown

Drei Phänomene sehe ich besonders häufig: Zeitblindheit, Motivation über Interesse statt Wichtigkeit und Hyperfokus. Eine Frist in drei Wochen kann sich anfühlen wie: Nicht heute, also später, also irgendwann, also – Moment, morgen? Gleichzeitig kann ein spannendes Thema stundenlange Konzentration auslösen. „Das ist wichtig“ ist eben leider kein besonders leistungsfähiger Neurotransmitter. Neuheit, Herausforderung, Dringlichkeit und echtes Interesse ziehen oft stärker. Und genau deshalb kann dieselbe Person bei einer Aufgabe kaum anfangen und bei einer anderen völlig darin verschwinden. Eingefügtes Markdown

Wichtig für deinen Blick auf die Gruppe: ADHS ist keine Lernstörung und sagt nichts über Intelligenz. Das Wissen kann ankommen. Was manchmal wackelt, ist die Brücke dorthin: Planen, anfangen, dranbleiben.

Was Studien über ADHS und Lernen zeigen

Die meisten Daten stammen aus dem Hochschulbereich. Für klassische Erwachsenenbildung gibt es deutlich weniger Forschung. Trotzdem zeigt sich ein recht klares Muster: Die Schwierigkeiten liegen oft weniger beim Verstehen als beim Durchhalten, Organisieren und Anwenden von Lernstrategien. Die TRAC-Studie etwa begleitete Studierende mit und ohne ADHS über mehrere Jahre und fand bei der ADHS-Gruppe schwächere Studienleistungen und eine seltenere Nutzung von Lernstrategien. Auch eine systematische Übersicht von 2025 zeigt besonders starke Zusammenhänge zwischen Unaufmerksamkeit, exekutiven Funktionen und Studienleistung. Eingefügtes Markdown

Das passt gut zu dem, was wir im Kurs sehen: Montag brillant, Mittwoch völlig neben der Spur, Freitag wieder brillant. Solche Schwankungen werden schnell als Motivationsthema gelesen. Sie können aber Teil der Aufmerksamkeits- und Selbststeuerungsproblematik sein.

UDL: Barrieren abbauen, bevor jemand darüber stolpert

Universal Design for Learning, kurz UDL, dreht eine wichtige Frage um. Nicht zuerst: „Was stimmt mit diesem Lernenden nicht?“ Sondern: „Welche Barriere habe ich gerade eingebaut?“ Die drei Grundprinzipien lassen sich gut als Warum, Was und Wie merken: Engagement fragt nach Interesse und Relevanz, Repräsentation nach unterschiedlichen Zugängen zum Inhalt und Handlung und Ausdruck danach, wie Lernende zeigen können, was sie können. Das Lernziel bleibt gleich, nur die Wege werden vielfältiger. Eingefügtes Markdown

Was im Kurs konkret hilft

Der größte Hebel ist für mich sichtbare Struktur. Wer kurz den Faden verliert, braucht keinen Vortrag darüber, warum Konzentration wichtig ist, sondern einen Punkt, an dem er wieder einsteigen kann. Zeig den Ablauf, kündige Themenwechsel an, mach Lernziele sichtbar und kommuniziere wichtige Fristen mündlich und schriftlich. „Ich habe das doch gesagt“ ist didaktisch ungefähr so hilfreich wie „Das stand auf Folie 37“. Wenn etwas wichtig ist, darf es mehr als einen Weg ins Gedächtnis bekommen. Eingefügtes Markdown

Auch Aufmerksamkeit lässt sich besser zurückholen als einfordern. „Jetzt konzentriert euch bitte“ funktioniert ungefähr so gut wie „Schlaf jetzt!“ bei Schlaflosigkeit. Kurze Abfragen, kleine Selbstchecks, Mikropausen und Bewegung sind oft hilfreicher. Ein Stift dreht sich, ein Bein wippt, jemand kritzelt: Vielleicht ist das keine Störung der Konzentration, sondern Teil ihrer Regulation. Und wenn ein Auftrag zusätzlich sichtbar an der Wand oder auf der Folie steht, kostet ein kurzer Ausstieg nicht gleich den ganzen Anschluss. Eingefügtes Markdown

Beim Material gilt: Möglichst wenig unnötige Organisationsarbeit ins Gehirn verlagern. Unterlagen vorab, nummerierte Folien, sichtbare Arbeitsschritte und klare Strukturhilfen helfen. Statt „Bearbeitet den Fall“ lieber drei konkrete Schritte. Große Aufgaben brauchen ebenfalls kleine Treppen. Aus „Abgabe in sechs Wochen“ werden Thema, Gliederung, erster Entwurf und Endfassung. Sonst passiert gern fünf Wochen wenig und dann sehr viel. Mit Kaffee. Eingefügtes Markdown Eingefügtes Markdown

Interesse spielt ebenfalls eine große Rolle. Ein Satz wie „Das ist wichtig“ reicht oft nicht. Hilfreicher ist: Wofür brauche ich das? Welches Problem kann ich damit lösen? Begrenzte Wahl funktioniert meist besser als völlige Freiheit. Nicht „Macht, was ihr wollt“, sondern „Ihr könnt zwischen diesen drei Fällen wählen“. Das gibt Autonomie, ohne gleich einen kleinen Organisationsnotstand auszulösen. Eingefügtes Markdown

Haltung, die nichts kostet

Einige der wichtigsten Veränderungen brauchen weder Material noch App. Signalisier Ansprechbarkeit, ohne jemanden vor der Gruppe herauszustellen. Klär Vergessenes oder Zuspätkommen unter vier Augen. Und trenne Üben und Bewerten klar voneinander. „Sie müssen einfach besser aufpassen“ macht exekutive Funktionen erstaunlicherweise nicht leistungsfähiger. Eingefügtes Markdown

So kann das konkret aussehen

Im Sprachkurs kann das bedeuten: Ein sichtbarer Ablauf, keine Phase länger als 20 Minuten, ein Mini-Quiz zwischendurch, verschiedene Zugänge zur Grammatik und mehrere Möglichkeiten, das Gelernte zu zeigen. In einer Fortbildung können reale Fälle aus der Praxis, ein sichtbarer Zeitplan, Wahlmöglichkeiten beim Üben und kleine Transferziele helfen. Das Lernziel bleibt gleich. Der Weg dorthin muss nicht für alle identisch sein. Eingefügtes Markdown

Sketchnote ADHS bei Erwachsenen

Was die Forschung trägt – und was nicht

Hier lohnt sich Genauigkeit. Es gibt erstaunlich wenige Studien, die gezielt untersuchen, welche Kursgestaltung erwachsenen Lernenden mit ADHS tatsächlich hilft. Vieles stammt aus Forschung zu Aufmerksamkeit und Lernen allgemein oder aus gut begründeter Praxis. Auch UDL ist kein pädagogisches Wundermittel, sondern ein hilfreicher Planungsrahmen. Und gute Lehre ersetzt keine Behandlung. Ein klug aufgebauter Kurs kann viel erleichtern, aber ADHS nicht wegdidaktisieren. Eingefügtes Markdown

Fazit

Lernende mit ADHS brauchen keinen komplett anderen Kurs. Sie brauchen einen Kurs, in dem nicht alles davon abhängt, 90 Minuten lang perfekt aufmerksam, organisiert und selbststeuernd zu funktionieren. Sichtbare Struktur, Rückholpunkte, Interesse, klare Aufträge und greifbare Zwischenschritte helfen. Und manchmal schlicht die Möglichkeit, kurz aufzustehen, ohne dass jemand daraus eine Charakteranalyse macht.

Das Schöne daran: Fast nichts davon hilft ausschließlich Menschen mit ADHS. Eine sichtbare Agenda stört niemanden. Ein klarer Arbeitsauftrag auch nicht. Mikropausen sind selten ein pädagogischer Skandal. Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke: Gute inklusive Didaktik erkennt niemand daran, dass einige Lernende Sonderlösungen bekommen, sondern daran, dass weniger Menschen Sonderlösungen brauchen. Eingefügtes Markdown

Passend dazu: Wenn Lernende wissen, was zu tun ist – aber nicht anfangen, Warum Pausen so wichtig für das Gehirn sind und Kippeln ist was Tolles

Literatur

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Praxisempfehlungen aus Hochschulen: Universität Innsbruck: Merkblatt Studierende mit AD(H)S und London School of Economics: Inclusive Teaching for Students with AD(H)D