Helfen Düfte beim Vokabellernen?

Warum ein Duft beim Lernen tatsächlich helfen kann, warum die Wirkung vor allem nachts entsteht und warum die Duftlampe im Seminarraum trotzdem keine gute Idee ist

Die Duftlampe brennt. Drei Teilnehmende haben Kopfschmerzen.

Eine Kollegin schwört darauf: Zitronenöl in der Duftlampe, das mache die Gruppe wach und konzentriert. Also brennt im Seminarraum ab neun Uhr die Lampe. Die Hälfte findet es angenehm. Eine Teilnehmerin öffnet um halb zehn das Fenster. Ein Teilnehmer hat nach der Mittagspause Kopfschmerzen und weiß nicht, warum.

Die Idee dahinter ist nicht falsch. Düfte können beim Lernen tatsächlich helfen, dafür gibt es gute Studien. Nur funktioniert es anders, als die Duftlampe vermuten lässt. Und an einem ganz anderen Ort: nicht im Seminarraum, sondern im Schlafzimmer.

Geruch hat einen kurzen Draht zum Gedächtnis

Geruch ist unter den Sinnen ein Sonderfall. Während Bilder und Geräusche erst über eine Umschaltstation im Zwischenhirn laufen, gelangen Geruchsinformationen vom Riechkolben fast direkt in Regionen, die für Gefühle und Gedächtnis zuständig sind, darunter Amygdala und Hippocampus. Das erklärt, warum ein bestimmter Geruch manchmal schlagartig eine Erinnerung zurückholt, die jahrzehntelang verschüttet war. Und warum die Nase beim Lernen eine Rolle spielen kann. Wie eng sogar das Atmen durch die Nase mit dem Gedächtnis verknüpft ist, steht in Das passiert, wenn wir flach atmen.

Die Wirkung entsteht im Schlaf

Den Durchbruch brachte eine Studie von Björn Rasch, Jan Born und Kollegen in Lübeck. Ihre Versuchspersonen lernten am Abend, wo auf einem Spielfeld bestimmte Kartenpaare lagen, während ein Rosenduft in der Luft lag. In der Nacht bekamen einige von ihnen den gleichen Duft noch einmal, und zwar im Tiefschlaf. Am nächsten Morgen erinnerten sie sich deutlich besser an die Kartenpositionen.

Entscheidend sind die Details: Der Duft half nur, wenn er im Tiefschlaf kam. Im Traumschlaf oder im Wachzustand wirkte er nicht. Und er half nur, wenn derselbe Duft schon beim Lernen da gewesen war. Der Duft selbst macht also nicht klüger. Er ist ein Erinnerungsanker, mit dem das schlafende Gehirn das Gelernte noch einmal hervorholt und festigt.

Eine Auswertung von 91 Experimenten durch Xiaoqing Hu, Ken Paller und Kolleg:innen bestätigt das Prinzip: Gezielte Erinnerungsreize im Schlaf, ob Düfte oder Geräusche, verbessern das Gedächtnis, mit einem kleinen bis mittleren Effekt. Und zwar in den ruhigen Schlafphasen, nicht im Traumschlaf.

Und im echten Leben? Rosenstäbchen auf dem Nachttisch

Im Labor ist das eine Sache. Im Alltag eine andere. Franziska Neumann, Vitus Oberhauser und Jürgen Kornmeier aus Freiburg haben es mit 54 Schülerinnen und Schülern aus zwei sechsten Klassen am Bodensee ausprobiert. Die Kinder legten beim Englischvokabel-Lernen zu Hause ein Räucherstäbchen mit Rosenduft neben sich, unangezündet. Und in den sieben Nächten bis zum Vokabeltest stand das Stäbchen auf dem Nachttisch.

Das Ergebnis: Mit Duft beim Lernen und beim Schlafen schnitten die Kinder im Vokabeltest deutlich besser ab, um rund 30 Prozent. Es funktionierte also auch ohne Schlaflabor, ohne Messgeräte und ohne den Duft gezielt nur im Tiefschlaf einzusetzen. Ein Hinweis aus derselben Studie: Lag das Stäbchen zusätzlich beim Test auf dem Tisch, schien das ebenfalls zu helfen. Gesichert ist dieser Teil aber noch nicht.

Was das für den Unterricht heißt

Für Lehrende ist das eine spannende und gleichzeitig ernüchternde Nachricht. Spannend, weil es ein einfaches Werkzeug für Lernende ist. Ernüchternd, weil der wirksame Teil nicht im Unterricht passiert, sondern nachts zu Hause.

Düfte gehören ins Selbstlernen, nicht in den Gruppenraum. Eine Duftlampe im Seminar hat zwei Probleme. Erstens fehlt der Schlaf-Teil, also der Teil, der in den Studien den Unterschied macht. Zweitens verträgt nicht jede:r Düfte. In repräsentativen Umfragen von Anne Steinemann in vier Ländern gab rund ein Drittel der Erwachsenen an, auf parfümierte Produkte mit Beschwerden zu reagieren, etwa mit Kopfschmerzen, Atemproblemen oder gereizten Schleimhäuten. Bei Raumdüften und Lufterfrischern waren es immerhin rund 17 Prozent. In einer Gruppe von zwölf Menschen sind das statistisch zwei oder drei.

Gib Lernenden die Methode mit nach Hause. Gerade im Sprachunterricht, vor Prüfungen oder beim Vokabellernen ist das eine schöne Selbstlernstrategie: Ein Duft, der beim Lernen da ist und nachts auf dem Nachttisch steht. Unangezündet, nicht zu intensiv, und nur, wenn er angenehm ist. Mehr dazu, warum Sprachenlernen das Gehirn so fordert, steht in Warum Sprachenlernen so anspruchsvoll für das Gehirn ist.

Ein Duft pro Lernthema reicht. Oft liest man, man solle für verschiedene Wortarten unterschiedliche Düfte nutzen, etwa Lavendel für Adjektive und Zimt für Verben. Dafür gibt es keine Belege. Die Studien arbeiten mit einem einzigen Duft, der beim Lernen und im Schlaf derselbe ist.

Der Duft ersetzt das Lernen nicht. Er verstärkt, was tagsüber gelernt wurde. Wer gar nicht gelernt hat, wird durch Rosenduft im Schlaf auch keine Vokabeln können. Warum das Wiederholen und vor allem das Abrufen trotzdem die Basis bleiben, steht in Warum vergessen wir so schnell?

Was die Forschung trägt – und was nicht

Dass Erinnerungsreize im Schlaf das Gedächtnis stärken können, ist gut belegt. Die Effekte sind im Durchschnitt aber klein bis mittelgroß, und viele Studien stammen aus dem Labor. Die Freiburger Schulstudie ist ermutigend, aber klein. Und die Forschenden mussten sich darauf verlassen, dass die Kinder die Stäbchen wirklich wie verabredet benutzt haben.

Nicht belegt sind dagegen viele Versprechen, die rund um Düfte und Lernen kursieren: dass ein bestimmter Duft grundsätzlich die Konzentration steigert, dass Raumdüfte eine Gruppe aufmerksamer machen oder dass verschiedene Düfte verschiedene Wortarten verankern. Die Tipps oben sind aus den Studien abgeleitet, als Anregung für Lernende und nicht als getestetes Programm.

Fazit

Ja, Düfte können beim Vokabellernen helfen. Aber nicht, weil sie den Raum angenehm machen, sondern weil sie dem schlafenden Gehirn einen Anker geben, um das Gelernte noch einmal zu festigen. Die Duftlampe im Seminarraum kann also aus bleiben. Das Rosenstäbchen auf dem Nachttisch der Lernenden dagegen ist einen Versuch wert.


Lust, das mit deiner Gruppe auszuprobieren?

Wie Lernende Inhalte so verankern, dass sie auch nach dem Unterricht abrufbar bleiben, ist Kern von Zukunftslernen. Wie Lernen mit allen Sinnen im Unterricht gestaltet werden kann, ohne die Gruppe zu überfordern, vertiefen wir in Gehirneffizientes Lehren.

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Passend dazu: Das passiert, wenn wir flach atmen, Warum Sprachenlernen so anspruchsvoll für das Gehirn ist und Das unterschätzte Lernorgan: Was in unseren Ohren steckt

Literatur

Aktuelle Studien und Übersichten

  • Hu, X., Cheng, L. Y., Chiu, M. H., & Paller, K. A. (2020). Promoting memory consolidation during sleep: A meta-analysis of targeted memory reactivation. Psychological Bulletin, 146(3), 218–244. Volltext (PMC) (USA, Hongkong)
  • Neumann, F., Oberhauser, V., & Kornmeier, J. (2020). How odor cues help to optimize learning during sleep in a real life-setting. Scientific Reports, 10, 1227. doi.org/10.1038/s41598-020-57613-7 (Deutschland)
  • Steinemann, A. (2019). International prevalence of fragrance sensitivity. Air Quality, Atmosphere & Health. Zusammenfassung (Australien)

Grundlagenforschung

  • Rasch, B., Büchel, C., Gais, S., & Born, J. (2007). Odor cues during slow-wave sleep prompt declarative memory consolidation. Science, 315(5817), 1426–1429. PubMed (Deutschland)