Warum Zeichnen besser im Gedächtnis bleibt als Schreiben, warum Talent dabei keine Rolle spielt und warum gerade Erwachsene davon profitieren
„Malt das mal auf.“ – „Ich kann nicht zeichnen.“
Du gibst den Arbeitsauftrag: Jede Gruppe hält das Modell auf einem Flipchart fest, aber bitte als Bild, nicht als Text. Zwei Gruppen legen los. In der dritten winkt jemand ab: „Ich kann nicht zeichnen.“ Fünf Minuten später hängen dort drei ordentliche Stichpunkte. Lesbar, korrekt, und morgen vergessen.
Der Einwand ist verständlich. Nur geht er am Punkt vorbei. Für das Gedächtnis ist es ziemlich egal, ob jemand zeichnen kann. Entscheidend ist, dass er es tut.
Wenn die Hand beschäftigt ist, bleibt der Kopf da
Lange galt Kritzeln als Zeichen von Unaufmerksamkeit. Wer im Vortrag Kästchen ausmalt, hört nicht zu, so die Annahme. Jackie Andrade von der University of Plymouth hat das überprüft. Sie ließ 40 Erwachsene eine monotone Telefonnachricht anhören. Die Hälfte durfte dabei Formen auf einem Blatt ausmalen. Im unangekündigten Gedächtnistest danach erinnerten sich die Kritzelnden an 29 Prozent mehr Informationen.
Andrades Erklärung: Die leichte Beschäftigung der Hände hält das Gehirn gerade so weit auf Trab, dass es nicht ins Tagträumen abdriftet. Kritzeln ist also nicht automatisch Abschalten. Oft ist es das Gegenteil. Warum Unruhe im Seminar generell mehr bedeuten kann, als wir denken, steht in Kippeln ist was Tolles.
Zeichnen schlägt Schreiben
Noch deutlicher wird der Effekt, wenn Menschen nicht nebenbei kritzeln, sondern den Inhalt selbst zeichnen. Jeffrey Wammes, Melissa Meade und Myra Fernandes von der University of Waterloo ließen Versuchspersonen Begriffe entweder zeichnen oder aufschreiben. Später erinnerten sie sich an die gezeichneten Begriffe deutlich besser. Der Effekt zeigte sich über eine ganze Reihe von Experimenten hinweg und war erstaunlich robust. Zeichnen schlug nicht nur das Schreiben, sondern auch andere Strategien: Merkmale auflisten, sich den Begriff bildlich vorstellen oder ein fertiges Bild davon anschauen. Selbst wenn nur vier Sekunden zum Zeichnen blieben, war der Vorteil noch da. Und die Qualität der Zeichnungen spielte keine Rolle. Strichmännchen reichten.
Die Forschenden erklären das mit Mehrfachkodierung. Wer zeichnet, muss sich überlegen, was ein Begriff eigentlich bedeutet und wie man ihn darstellen kann. Dabei werden visuelle, räumliche, sprachliche, bedeutungsbezogene und motorische Verarbeitung gleichzeitig angesprochen. Das Gedächtnis bekommt mehrere Zugänge zum selben Inhalt statt nur einen.
Je älter, desto größer der Vorteil
Besonders spannend für die Erwachsenenbildung ist eine Folgestudie desselben Teams. Melissa Meade und ihre Kolleg:innen verglichen jüngere und ältere Erwachsene. Beide Gruppen erinnerten sich besser an gezeichnete als an geschriebene Begriffe. Bei den Älteren war dieser Vorteil aber besonders groß. Und auch hier schlug Zeichnen in beiden Altersgruppen das Auflisten von Merkmalen.
Die Forschenden vermuten, dass Zeichnen Hirnregionen nutzt, die für die Verarbeitung von Bildern und Raum zuständig sind und im normalen Altern weitgehend stabil bleiben. Wer also hört: „In meinem Alter lerne ich das nicht mehr“, hat mit dem Stift ein ziemlich gutes Gegenargument in der Hand. Mehr dazu in Gehirngerechtes Lernen im Alter: Was wirklich zählt.
Zeichnen hilft nicht nur beim Merken, sondern beim Verstehen
Begriffe behalten ist das eine. Zusammenhänge verstehen das andere. Shaaron Ainsworth und Katharina Scheiter haben die Forschung zum Lernen durch Zeichnen zusammengefasst. Ihr Fazit: Zeichnen kann das Verstehen deutlich unterstützen, vor allem bei Inhalten mit Struktur, Abläufen oder räumlichen Beziehungen. Allerdings nur, wenn das Zeichnen echte Denkarbeit ist. Wer eine fertige Grafik abmalt, lernt wenig. Wer selbst entscheiden muss, was wohin gehört und wie es zusammenhängt, lernt viel. Und Lernende brauchen dafür oft eine klare Anleitung, worauf es beim Zeichnen ankommt.
Bilder ersetzen Sprache also nicht. Sie zwingen dazu, sie zu sortieren.
Und was macht Gestalten mit uns?
Neben dem Gedächtnis werden auch emotionale Wirkungen diskutiert. Anne Bolwerk und ihr Team an der Universität Erlangen-Nürnberg begleiteten 28 Menschen im Ruhestand über zehn Wochen. Die eine Hälfte gestaltete selbst künstlerisch, die andere betrachtete und besprach Kunst. In der Gestaltungsgruppe zeigten sich Veränderungen in der Vernetzung bestimmter Hirnnetzwerke, und die psychische Widerstandskraft stieg. Beim reinen Betrachten nicht.
Das ist eine kleine Studie mit einer speziellen Gruppe. Aber sie passt zu dem, was viele im Seminar erleben: Wer selbst etwas gestaltet, ist anders beteiligt als jemand, der nur zuschaut.
So bringst du die Gruppe zum Zeichnen
Schalte den Qualitätsanspruch ausdrücklich ab. Sag es laut: „Strichmännchen reichen. Es geht nicht um schön, es geht ums Denken.“ Ein knappes Zeitlimit hilft, weil dann niemand anfängt, an Details zu feilen. Und wenn du selbst schnell und schief an die Wand zeichnest, ist das die beste Erlaubnis für alle anderen.
Lass Schlüsselbegriffe zeichnen statt mitschreiben. Nicht alles, sondern die drei, vier Begriffe, die wirklich bleiben sollen. Genau da wirkt der Zeichen-Effekt am stärksten.
Lass am eigenen Bild erklären. In Paaren: Jede Person erklärt der anderen ihr Bild. Wo die Erklärung hakt, war auch das Verstehen noch nicht fertig.
Erlaube Kritzeln. Ein Handout mit breitem Rand, ein Blatt für Nebenbei. Wer in langen Inputphasen kritzelt, ist oft mehr dabei als gedacht.
Was die Forschung trägt – und was nicht
Der Zeichen-Effekt für einzelne Begriffe ist gut belegt und wurde vielfach wiederholt. Die Waterloo-Studien arbeiteten allerdings mit einzelnen Wörtern, nicht mit komplexen Seminarinhalten. Für Zusammenhänge und Verstehen zeigen Ainsworth und Scheiter, dass Zeichnen wirken kann, aber stark davon abhängt, wie es angeleitet wird. Andrades Kritzelstudie ist klein und lief mit einer einzigen langweiligen Aufgabe. Und die Studie von Bolwerk und Team umfasst nur 28 Menschen im Ruhestand.
Zusammen ergibt sich trotzdem ein klares Bild: Zeichnen ist kein Extra für besonders Kreative, sondern eine wirksame Lernstrategie, und zwar unabhängig vom Talent. Die Tipps oben sind daraus abgeleitet, als didaktische Werkzeuge und nicht als getestetes Programm.
Fazit: Malen ist kein Extra, es ist ein Verstärker
„Ich kann nicht zeichnen“ ist einer der häufigsten Sätze im Seminar. Und einer der unwichtigsten. Wer zeichnet, muss entscheiden, was ein Inhalt bedeutet, und genau diese Entscheidung bleibt im Gedächtnis. Die drei Stichpunkte auf dem Flipchart waren korrekt. Das schiefe Bild daneben hätte länger gehalten.
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Passend dazu: Kippeln ist was Tolles, Gehirngerechtes Lernen im Alter: Was wirklich zählt und Warum vergessen wir so schnell?
Literatur
Aktuelle Studien und Übersichten
- Ainsworth, S. E., & Scheiter, K. (2021). Learning by drawing visual representations: Potential, purposes, and practical implications. Current Directions in Psychological Science, 30(1), 61–67. doi.org/10.1177/0963721420979582 (Großbritannien, Deutschland)
- Meade, M. E., Wammes, J. D., & Fernandes, M. A. (2018). Drawing as an encoding tool: Memorial benefits in younger and older adults. Experimental Aging Research. doi.org/10.1080/0361073X.2018.1521432 (Kanada)
Grundlagenforschung
- Wammes, J. D., Meade, M. E., & Fernandes, M. A. (2016). The drawing effect: Evidence for reliable and robust memory benefits in free recall. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 69(9), 1752–1776. doi.org/10.1080/17470218.2015.1094494 (Kanada)
- Bolwerk, A., Mack-Andrick, J., Lang, F. R., Maihöfner, C., & Dörfler, A. (2014). How art changes your brain: Differential effects of visual art production and cognitive art evaluation on functional brain connectivity. PLoS ONE, 9(7), e101035. doi.org/10.1371/journal.pone.0101035 (Deutschland)
- Andrade, J. (2010). What does doodling do? Applied Cognitive Psychology, 24(1), 100–106. doi.org/10.1002/acp.1561 (Großbritannien)