Malen steigert die Gedächtnisleistung

Visuell denken

Viele Menschen kritzeln während eines Vortrags, zeichnen kleine Muster auf den Rand ihres Blocks oder formen Begriffe spontan als Skizze. Lange galt das als Zeichen von Unaufmerksamkeit. Tatsächlich passiert oft das Gegenteil. Unser Gehirn verarbeitet Informationen nicht nur sprachlich, sondern in hohem Maß auch visuell. Bilder werden parallel, verdichtet und emotional eingebettet verarbeitet. Genau deshalb können einfache Skizzen die Aufmerksamkeit stabilisieren und das Erinnern deutlich unterstützen.

Warum ist das gerade für Lernprozesse so entscheidend?

Wenn die Hand denkt, bleibt der Kopf wach

Eine häufig zitierte Studie der Universität Plymouth (Andrade, 2009) zeigt: Personen, die während des Zuhörens kritzelten, erinnerten sich im Anschluss an deutlich mehr Informationen als Teilnehmende ohne diese begleitende Aktivität. Die Erklärung ist plausibel und lernpsychologisch gut anschlussfähig: Die leichte motorische Beschäftigung hält das Gehirn im Aufmerksamkeitsmodus und reduziert mentales Abschweifen.

Kritzeln ist also nicht das Problem. Im Gegenteil — es kann ein stabilisierender Anker für die Konzentration sein.

Zeichnen vertieft die Gedächtnisspur

Noch deutlicher wird der Effekt beim gezielten Visualisieren von Begriffen. In einer Studie der University of Waterloo (Wammes, Meade & Fernandes, 2016) erinnerten sich Teilnehmende signifikant besser an Begriffe, die sie gezeichnet statt nur geschrieben hatten. Entscheidend war dabei nicht die Qualität der Zeichnung. Selbst sehr einfache Skizzen führten zu einer höheren Erinnerungsleistung.

Aus kognitionspsychologischer Sicht ist das nachvollziehbar: Beim Zeichnen werden mehrere Verarbeitungskanäle gleichzeitig aktiviert — motorisch, visuell und semantisch. Diese Mehrfachkodierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Informationen langfristig verfügbar bleiben.

Interessant ist auch ein weiterer Befund der Studie: Während beim reinen Schreiben Altersunterschiede sichtbar wurden, glichen sich diese beim Zeichnen deutlich an. Visualisieren kann also gerade auch für erwachsene Lernende ein starker Hebel sein.

Visualisieren wirkt weit über das Gedächtnis hinaus

Forschungsarbeiten von Ainsworth und Scheiter (2021) zeigen in Übersichtsanalysen mit zahlreichen Einzelstudien, dass lernunterstützendes Zeichnen besonders dann wirksam ist, wenn es aktiv in den Verstehensprozess eingebunden wird. Bilder ersetzen Sprache nicht — sie erweitern sie.

Neben kognitiven Effekten werden auch emotionale Wirkungen diskutiert. Kreative gestalterische Prozesse können Stress reduzieren und die Selbstwahrnehmung stärken. Eine Studie von Bolwerk et al. (2014) weist darauf hin, dass künstlerische Aktivität mit Veränderungen in funktionalen Hirnnetzwerken und erhöhter Stressresistenz einhergehen kann.

Für Lernsettings bedeutet das: Visualisieren unterstützt nicht nur das Erinnern, sondern kann auch die emotionale Zugänglichkeit von Lerninhalten erhöhen.

Warum reines „Hineinpauken“ oft scheitert

Viele Lernende setzen noch immer vor allem auf Mitschreiben, Markieren und wiederholtes Lesen. Diese Strategien erzeugen jedoch häufig nur eine oberflächliche Verarbeitung. Für stabile Gedächtnisspuren braucht das Gehirn mehr: Bedeutung, Aktivität und möglichst mehrere Zugänge zu einem Inhalt.

Genau hier entfalten Bilder ihre Stärke. Sie aktivieren zusätzliche Verarbeitungswege und binden das limbische System stärker ein — eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Informationen überhaupt als speicherwürdig markiert werden.

Visualisieren ist deshalb keine dekorative Ergänzung. Es ist ein kognitiver Verstärker.

Visualisieren lernen — ohne Kunstanspruch

Entscheidend ist dabei nicht künstlerisches Talent. Wirksam sind vor allem einfache, funktionale Darstellungen: Symbole, Gedankenskizzen, visuelle Strukturen oder klare Farbmarkierungen. Was zählt, ist die aktive gedankliche Auseinandersetzung während des Zeichnens.

Wenn Worte und Bilder gezielt kombiniert werden, zeigen Studien deutliche Vorteile für das Behalten von Informationen gegenüber rein textbasierten Zugängen. Visualisieren macht Denken sichtbarer — und damit oft auch nachhaltiger.

Hier eine Auswahl der Studienlage

  1. Erhöhung der Konzentration durch Kritzeln während des Zuhörens:
    Studie der Universität Plymouth 2009
  2. Erhöhung der Gedächtnisleistung beim Aufkritzeln der Lernwörter:
    Waterloo-Studie 2016
  3. Wirkung von Kunst auf das Gehirn:
    Studie von Anne Bolwerk und Team 2014
  4. Zeichnen als Gedächtnisstütze:
    Studie von Shaaron E. Ainsworth, Katharina Scheiter 2021

Weiterführende Vertiefung

Wenn du das Thema für deine eigene Praxis oder deine Trainings vertiefen möchtest, findest du in den folgenden Büchern unterschiedliche Zugänge — von schnellen Gedankenskizzen bis hin zu prozessorientiertem, emotionalem Arbeiten mit Bildern.Malen verbessert die Konzentration

Malen statt vergessen: Dieses Buch zeigt, wie sich Lerninhalte mit einfachen visuellen Mitteln strukturieren und verankern lassen. Im Mittelpunkt stehen praxistaugliche Gedankenskizzen, Symbole und Farbcode-Techniken, die sich unmittelbar in Unterricht, Training oder Selbstlernphasen einsetzen lassen. Der Fokus liegt nicht auf künstlerischer Gestaltung, sondern auf wirksamer kognitiver Unterstützung.

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Talk through Art – Kunst als Impulsgeber für Gespräche:  Dieses Buch verbindet visuelle Impulse mit dialogischem Lernen. Es zeigt, wie Bilder als Gesprächsanlass genutzt werden können, um Austausch, Perspektivwechsel und sprachliche Aktivität zu fördern — sowohl in sprachlichen als auch in fachlichen Lernkontexten.

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Malen ist kein Extra — es ist ein Verstärker

Lernen muss nicht trocken bleiben. Wenn visuelle Prozesse bewusst eingebunden werden, entstehen stabilere Gedächtnisspuren, höhere Aufmerksamkeit und oft auch mehr emotionale Beteiligung. Visualisieren ist kein Zusatz für besonders Kreative, sondern ein wirkungsvoller Zugang zu gehirneffizientem Lernen.

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