Im Training gelingt die neue Gesprächsstrategie. In der nächsten Teamsitzung fällt die Teilnehmerin bei Gegenwind in ihre vertraute Reaktion zurück. Beim nächsten Seminar sagt sie: „Ich hab’s eben nicht geschafft.“
Als Trainerin könntest du jetzt noch einmal erklären, aufmuntern oder mehr Übung verlangen. Alle drei Antworten können am eigentlichen Problem vorbeigehen. Die wichtigere Frage lautet: Was genau ist beim Übergang vom geübten Verhalten zur realen Situation passiert, und was muss sich vor dem nächsten Versuch ändern?
Der erste Fehler ist oft die Diagnose
Eine Teilnehmerin setzt zwei Wochen lang eine neu gelernte Gesprächstechnik ein, unterbricht aber beim dritten Konflikt wieder. Wer das als gescheiterte Veränderung wertet, macht aus einem beobachtbaren Ereignis ein Urteil über die ganze Kompetenz. Genauso problematisch ist das andere Extrem, jeden Aussetzer als belanglos abzutun. Dann bleibt unsichtbar, ob die neue Handlung unter Zeitdruck einfach noch nicht verfügbar ist.
Für die Praxis helfen mir drei Begriffe:
- Ein Aussetzer ist eine einzelne Abweichung von der beabsichtigten Handlung.
- Ein wiederkehrendes Muster zeigt sich, wenn ähnliche Bedingungen immer wieder dieselbe alte Reaktion auslösen.
- Ein Abbruch liegt vor, wenn der Versuch, die neue Fähigkeit einzusetzen oder zu üben, tatsächlich eingestellt wird.
Das ist eine Ordnungshilfe für die Planung, keine Diagnose im klinischen Sinn.
Fünf Unterscheidungen für erfahrene Lehrkräfte und Trainer:innen
1. Der Fehler ist nicht automatisch das Problem. Wer nur die fehlerhafte Handlung betrachtet, übersieht die Situation, in der sie entstand. Ein Gespräch unter Beobachtung, eine Aufgabe mit knapper Zeit oder eine unklare Rollenverteilung verändern die Anforderungen. Frag zuerst, ob das gewünschte Verhalten unter diesen Bedingungen überhaupt ausreichend vorbereitet war.
2. Einsicht und Handlung sind zwei verschiedene Dinge. Eine Lernende kann genau erklären, was sie beim nächsten Mal anders machen will. Daraus folgt nicht, dass sie die Alternative im entscheidenden Moment abrufen kann. Dieselbe Erklärung zu wiederholen führt selten weiter. Nützlicher sind eine konkrete Einsatzsituation, eine kurze Probe und ein beobachtbarer nächster Versuch.
3. Ein Wiedereinstieg braucht nicht immer dieselbe Aufgabe. Nach einer versäumten Übung genügt oft ein neuer, realistisch verfügbarer Termin. Ist die Anwendung unter sozialem Druck misslungen, kläre erst, ob die Situation sicher genug für einen zweiten Versuch ist. Ein geschütztes Probeformat kann dann sinnvoll sein. Und ist das Ziel nicht mehr sinnvoll oder die Aufgabe ungeeignet, passt du den Plan an, statt zu mehr Anstrengung aufzufordern.
4. Deine Reaktion kann das alte Muster stabilisieren. Übernimmst du nach jedem Aussetzer sofort die Lösung, bleibt kaum Gelegenheit, die neue Handlung selbst zu erproben. Lässt du die Lernenden dagegen ohne nötige Unterstützung allein, wird der Wiedereinstieg schwerer. Entscheide anhand der beobachteten Schwierigkeit, welche Hilfe die nächste eigene Handlung ermöglicht, und prüfe danach, ob du sie wieder reduzieren kannst.
5. Erfolg heißt nicht: nie wieder aussetzen. Eine lückenlose Serie ohne Fehler ist ein fragiler Maßstab. Aussagekräftiger ist, ob Lernende einen Aussetzer bemerken, angemessen reagieren und die neue Strategie wieder einsetzen. Das ist ein anderer Nachweis als fehlerfreies Verhalten in einer angeleiteten Übung.
So bereitest du den Wiedereinstieg vor
- Das Ereignis präzisieren. Was war vereinbart, was ist tatsächlich geschehen? Einzelner Aussetzer, wiederkehrende Reaktion oder Abbruch? Ohne diese Klärung wählst du leicht die falsche Intervention. Eine kurze Auswertung kann auch später sinnvoll sein, wenn die Person sich gerade erst wieder sammelt oder die Situation öffentlich beschämend wäre.
- Den Einsatzmoment rekonstruieren. Welche konkrete Anforderung hat den Übergang erschwert? War die Handlung nicht abrufbar, fehlte ein Auslöser, war die Situation zu komplex oder das Ziel in diesem Fall ungeeignet? Die Antwort liegt in der Arbeits- oder Gesprächssituation, nicht in einer Persönlichkeitseigenschaft.
- Nur eine Stellschraube verändern. Du kannst die Aufgabe verkleinern, den Auslöser deutlicher machen, einen geschützten Übungsversuch anbieten oder das Ziel anpassen. Welche Anpassung passt, ist eine didaktische Entscheidung, die du beim nächsten Versuch überprüfst.
- Den nächsten Versuch beobachtbar machen. Kläre vorher, woran man die neue Handlung erkennt, und werte danach aus, was unter welchen Bedingungen gelang. Bei erneutem Aussetzer veränderst du die Bedingung, statt dieselbe Aufforderung zu wiederholen.
Vier Situationen, in denen die naheliegende Hilfe nicht passt
Sprachunterricht: In der Partnerübung ersetzt ein Teilnehmer Verzögerungslaute durch bewusste Pausen, in der mündlichen Prüfung kehren sie zurück. Zusätzliche Ausspracheerklärungen helfen hier nicht zwingend. Eine kurze Simulation mit Prüfungsdruck und einem vorher gewählten Einsatzsignal zeigt, ob die Pausenstrategie unter Zielbedingungen verfügbar wird.
Lehrkräftefortbildung: Eine Lehrkraft will häufiger mit offenen Fragen arbeiten, liefert in einer unruhigen Klasse aber wieder selbst die Lösung. Statt ihr mangelnde Konsequenz zu unterstellen, prüft sie, an welchem Moment die Zeit- und Kontrollanforderung steigt. Für die nächste Stunde plant sie genau eine Frage, die sie stehen lässt. Das Ziel ist nicht sofort ein völlig anderer Unterrichtsstil.
Weiterbildung: Eine Teilnehmerin wollte nach dem Workshop jeden Abend zwanzig Minuten üben. Nach zwei ausgelassenen Tagen hört sie ganz auf. Im Gespräch zeigt sich, dass der Zeitpunkt regelmäßig mit familiären Verpflichtungen kollidiert. Hier ist der Plan selbst der Engpass. Ein kleineres Übungsfenster zu einer realistisch verfügbaren Zeit hilft mehr als weitere Appelle an ihre Entschlossenheit.
Grenzfall, Ziel oder Setting sind unpassend: Eine neue Gesprächsregel wird in einer hierarchischen Teamsitzung nicht angewandt, weil die Teilnehmerin berechtigt negative Folgen erwartet. Ihre Zurückhaltung als Rückfall zu behandeln wäre falsch. Kläre erst Freiwilligkeit, Sicherheit und Eignung der geforderten Handlung.
Methoden, die dazu passen
Für den Beginn einer Handlung kann eine konkret ausformulierte Wenn-dann-Planung helfen, einen Einsatzmoment mit einer kleinen Handlung zu verbinden. Sie ersetzt aber weder eine unpassende Aufgabe noch fehlende Fertigkeiten. Für die Nachbereitung eignen sich kurze Selbstbeobachtung, ein Lernprotokoll mit konkreten Situationen oder eine Peer-Rückmeldung. Sie machen Bedingungen sichtbar, ohne eine Person auf Fehlerzahlen zu reduzieren. (Zum Tagebuchschreiben passt auch mein Beitrag zum Journaling.)
Wo Rückfallmanagement an Grenzen stößt
Strukturelle Probleme nicht individualisieren. Ein instabiler Stundenplan, fehlende Übungszeit oder sanktionierende Gruppennormen lassen sich nicht mit mehr Selbstkontrolle wegtrainieren. Verändere zuerst die Lern- und Arbeitsbedingungen.
Keine Null-Fehler-Norm. Wer nur lückenlose Durchführung dokumentiert, übersieht vielleicht, dass Lernende ihre neue Handlung inzwischen früher bemerken und von selbst wieder aufnehmen. Fortschritt zeigt sich auch in der Qualität des Wiedereinstiegs. Eine allgemeingültige Zahl normaler Aussetzer gibt es nicht. Bei sicherheitskritischen Tätigkeiten gelten ohnehin andere Anforderungen als beim Aufbau einer Gesprächsroutine.
Keine Therapie-Sprache für normale Lernschwierigkeiten. „Rückfall“ meint hier ganz alltagssprachlich die Rückkehr zu einem alten Verhalten oder eine Unterbrechung. In medizinischen und therapeutischen Zusammenhängen kann der Begriff anders definiert sein. Schwere oder anhaltende Belastungen gehören nicht in eine selbst entwickelte Unterrichtsintervention.
Was die Forschung trägt, und was nicht
Sniehotta und Kolleg:innen (2005) untersuchten Menschen nach einer kardiologischen Rehabilitation und unterschieden dabei Handlungsplanung (wann und wie beginne ich?) von Bewältigungsplanung (was tue ich, wenn Hindernisse auftauchen?). Das ist für die didaktische Planung anregend, weil ein geplanter Beginn und der Umgang mit erwartbaren Hindernissen verschiedene Aufgaben sind. Schulklassen oder meine Schrittfolge hier hat die Studie allerdings nicht geprüft.
Ten Broeke und Adriaanse (2023) untersuchten Rückschläge bei Ernährung, Bewegung und Sparen und berichten Zusammenhänge zwischen Rückschlägen, erneutem Scheitern und Selbstwirksamkeit. Ein vorbereiteter Wiedereinstieg ist eine plausible Übertragung, deren Nutzen du im jeweiligen Kurs beobachten musst.
Der Review von Brandstätter und Bernecker (2022) zu Beharrlichkeit und dem angemessenen Loslassen von Zielen zieht eine wichtige Grenze: Nicht jeder Wiedereinstieg ist sinnvoll, wenn ein Ziel unerreichbar, nicht freiwillig oder die Situation ungeeignet ist. Nicht jedes Beenden ist ein Scheitern.
Fazit
Die Qualität einer Veränderung zeigt sich nicht nur daran, wie selten Lernende in ein altes Muster zurückfallen. Sie zeigt sich auch daran, ob sie nach einem Aussetzer wissen, welche Bedingung sie verändern, welche Hilfe sie nutzen und wie sie den nächsten Versuch selbst gestalten. Genau das kannst du in Unterricht und Training gezielt vorbereiten.
Passend dazu: Alte Gewohnheiten beim Lernen ändern: Warum sie bleiben, Lernende geben nach Rückschlägen auf: Was hilft?, Routinen im Alltag und Journaling – Tagebuch schreiben wieder in Mode
Literatur
- Sniehotta et al. (2005): Längsschnittstudie zu Handlungs- und Bewältigungsplanung bei körperlicher Aktivität nach kardiologischer Rehabilitation. https://doi.org/10.1002/ejsp.258
- Sniehotta et al. (2005): Studie zum Zusammenspiel von Planung, Selbstwirksamkeit und Handlungskontrolle bei körperlicher Aktivität. https://doi.org/10.1080/08870440512331317670
- ten Broeke & Adriaanse (2023): Studien zu Rückschlägen, Selbstwirksamkeit und weiterem Verhalten in alltagsbezogenen Selbstregulationsbereichen. https://doi.org/10.1002/ejsp.2931
- Brandstätter & Bernecker (2022): Review zu Beharrlichkeit, Zielanpassung und angemessenem Loslassen von Zielen. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-020821-110710