Wer KI am meisten braucht, nutzt sie am schlechtesten

Wer die KI am häufigsten fragt, hat oft am wenigsten davon. Sie tippt die Aufgabe in den Chatbot, bevor du sie zu Ende erklärt hast. Zwei Minuten später steht ein sauberer Absatz da. Du fragst, welcher Punkt ihr am wichtigsten ist. Sie scrollt. Am Nebentisch ruft jemand die KI genau einmal auf. Mit einer Frage, die er vorher schon halb selbst beantwortet hat. Im Fragebogen kreuzen beide dasselbe an: „Nutzt KI“. Genau da liegt der Haken an den PISA-Daten. Und an fast jeder Studie zu KI und Lernen, die noch kommt.

Was PISA 2025 zeigt

PISA 2025 hat erstmals gefragt, wofür 15-Jährige KI-Chatbots nutzen. In Deutschland tut das die Hälfte mindestens wöchentlich als Lernhilfe (OECD-Schnitt: 46 %). Je gut ein Drittel lässt sich jede Woche Texte zusammenfassen oder Hausaufgaben entwerfen. Nur 9 % verzichten fast ganz (OECD: 14 %). Quelle: OECD-Länderbericht Deutschland. Hängengeblieben ist eine andere Zahl. Wer KI fast täglich Hausaufgabentexte entwerfen lässt, erreicht im OECD-Schnitt 481 Punkte in Naturwissenschaften. Wer das nie tut, 509. Knapp 30 Punkte, der soziale Hintergrund ist schon herausgerechnet. Das ist mehr als ein Schuljahr.

Weniger beachtet: Bei KI als Lernhilfe kippt das Bild. Wer sie etwa einmal pro Woche zum Lernen nutzt, schneidet so gut ab wie Nicht-Nutzer:innen. Wer sie häufig nutzt und im Unterricht gelernt hat, ihre Antworten zu prüfen, sogar besser. Am besten schneidet nicht ab, wer nie fragt. Sondern wer gelernt hat, wie man fragt.

Ein Foto ist kein Film

PISA misst Nutzung und Leistung am selben Tag. Das Foto zeigt, wer neben wem steht. Nicht, wer wen dorthin geschoben hat. Drei Geschichten passen dazu.
KI schwächt das Lernen. Wer Zusammenfassen und Formulieren abgibt, trainiert genau das nicht mehr. Was dabei im Kopf passiert, steht in KI und Lernen: Warum wir jetzt Regeln fürs Denken brauchen.
Wer es schwerer hat, greift öfter zu. Wer einen Text versteht, braucht keine Zusammenfassung. Wer Nachhilfe bekommt, hat meist schlechtere Noten. Niemand käme auf die Idee, dass Nachhilfe dumm macht.
Beides, nacheinander. Wer unsicher ist, lagert aus. Wer auslagert, übt weniger. Wer weniger übt, wird unsicherer. Diese Spirale hast du schon live gesehen.
Welche Geschichte stimmt, kann ein Foto nicht sagen. Dafür braucht es Experimente mit zufällig eingeteilten Gruppen, wie das von Bastani und Kolleg:innen. Bis dahin ist die PISA-Zahl ein Verdacht. Keine Regel.

Dasselbe Kreuz, zwei Lernwege

„Ich lasse mir Texte von KI zusammenfassen.“ Die eine hat den Text gelesen und vergleicht ihre Zusammenfassung mit der KI. Der andere hat ihn nie aufgemacht. Im Datensatz sind beide gleich. Häufigkeit misst KI-Nutzung ungefähr so gut wie aufgeschlagene Wörterbuchseiten Sprachkompetenz. Wer nachschlägt, kann ein Wort lernen. Oder es jede Woche wieder nachschlagen.

Das Werkzeug ist gerecht verteilt. Der Umgang damit nicht.

59 % der 15-Jährigen in Deutschland prüfen im Unterricht zumindest manchmal die Qualität von KI-Antworten. Im OECD-Schnitt sind es 63 %, in Singapur 81 %. Vier von zehn deutschen Jugendlichen haben das also nie geübt. Wie oft KI genutzt wird, unterscheidet sich zwischen privilegierten und benachteiligten Schulen in Deutschland kaum. International zeigt die OECD aber: Wer den Umgang damit lernen darf, ist vor allem privilegiert. Quelle: OECD Education GPS.

Prüfen braucht Wissen. Wer viel weiß, merkt, wenn etwas nicht stimmt. Wer wenig weiß, nickt ab. Deshalb nutzt KI am schlechtesten, wer sie am meisten braucht. Nicht aus Faulheit. Sondern weil ihm niemand gezeigt hat, wie es anders geht. In der Weiterbildung ist es dasselbe, nur älter. Die Teilnehmerin mit Studium hinterfragt die KI-Antwort. Der Quereinsteiger übernimmt sie, weil sie besser klingt als alles, was er selbst schreiben würde. Beide gleich motiviert. Nur einer hat einen Maßstab.

Was du siehst und PISA nicht

Du bist dabei, wenn es passiert. Statt „Wer nutzt KI?“ lohnen sich andere Fragen.

Wann? Vor dem ersten eigenen Gedanken ersetzt KI das Denken. Danach schärft sie es.
Was passiert mit der Antwort? Frag, was jemand an ihr geändert hat. „Nichts“ sagt mehr als jede Statistik.
Hält es ohne Bildschirm? Zwei Sätze, Tablet umgedreht. Eine Minute, und der Raum ist sortiert.
Wer fragt ständig? Das ist kein Charakterzug, sondern ein Signal. Oft liegt die Aufgabe eine Stufe zu hoch.
Wird bei dir gemeinsam geprüft? Drei Gruppen, dieselbe KI-Antwort: Was fehlt, was ist schief, was stimmt? Genau diese Übung geht in den PISA-Daten mit besseren Leistungen einher.

Wie daraus feste Spielregeln werden, steht in den sechs Regeln fürs Denken.

Fazit

Die nächste Studie kommt bestimmt. Vorher drei Fragen: Foto oder Film? Zählt sie das Ob oder das Wie? Und wer bekommt bei dir die Chance, Prüfen zu lernen? PISA zeigt nicht, dass KI dumm macht. Sondern dass gerade die, die am meisten auf sie angewiesen sind, am wenigsten lernen, mit ihr umzugehen. Das ist unbequemer. Und es ist unser Job.

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Passend dazu: KI und Lernen: Warum wir jetzt Regeln fürs Denken brauchen und Wenn Lernende wissen, was zu tun ist – aber nicht anfangen

Quellen

  • OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students. OECD Publishing, Paris. doi.org/10.1787/73451bc5-en
  • OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I): Germany (Länderbericht). oecd.org (Nutzungszahlen Deutschland und OECD)
  • OECD Education GPS, Länderprofile Deutschland und Singapur, PISA 2025. Deutschland · Singapur (Prüfen von KI-Antworten im Unterricht, KI-Spaltung)
  • Bastani, H. et al. (2025). Generative AI without guardrails can harm learning: Evidence from high school mathematics. PNAS, 122(26). doi.org/10.1073/pnas.2422633122
  • Ministry of Education Singapore. National Digital Literacy Programme. moe.gov.sg