Warum gute Vorsätze im Unterricht und Training manchmal scheitern – und wie du Lernende dabei unterstützt, wirklich dranzubleiben.
Kennst du das? Im Seminar läuft alles wunderbar. Die Teilnehmenden sind motiviert, probieren neue Methoden aus und nehmen sich fest vor, künftig einiges anders zu machen. Eine Woche später ist von den guten Vorsätzen ungefähr so viel übrig wie von den Neujahrsvorsätzen Ende Februar. Die Lehrkraft, die künftig mehr offene Fragen stellen wollte, erklärt wieder alles selbst. Der Teilnehmer, der endlich regelmäßig Englisch sprechen wollte, findet plötzlich tausend andere Dinge, die dringend erledigt werden müssen. Und die Führungskraft, die gelernt hat, in Konflikten ruhig nachzufragen, ist beim nächsten Teammeeting schneller auf 180 als der Wasserkocher in der Teeküche.
War also alles für die Katz? Natürlich nicht. Aber zwischen „Ich weiß, wie es geht“ und „Ich mache es tatsächlich“ liegt eine ziemlich interessante Strecke. Und genau die unterschätzen wir beim Lernen gerne.
Das Problem ist oft nicht der gute Vorsatz, sondern der gute alte Alltag
Stell dir vor, eine Teilnehmerin übt in deinem Kommunikationstraining, ihrem Gegenüber erst einmal zuzuhören, statt sofort zu widersprechen. Das klappt wunderbar. Du beobachtest, gibst Feedback, sie probiert es erneut. Alle sind zufrieden. Dann kommt der Montag. In der Teamsitzung kritisiert ein Kollege ihre Arbeit. Sie fühlt sich angegriffen und fällt ihm ins Wort. Zack. Alte Reaktion, neues Training vergessen.
Jetzt könnte man sagen, sie müsse eben mehr üben. Vielleicht stimmt das sogar. Aber möglicherweise hat sie etwas ganz anderes gebraucht. Im Seminar konnte sie sich auf die Gesprächstechnik konzentrieren. Im Teammeeting musste sie gleichzeitig ihre Emotionen regulieren, ihre Position vertreten und auf einen Kollegen reagieren, der sich nicht freundlicherweise an unser Trainingsdrehbuch gehalten hat. Das echte Leben ist eben kein Rollenspiel mit höflichen Mitspielern. Und genau deshalb reicht es nicht, eine neue Handlung nur unter Idealbedingungen zu trainieren.
Plan A braucht einen Realitätscheck
Ich finde, wir sollten beim Lernen viel häufiger fragen, was unsere Teilnehmenden tatsächlich erwartet, sobald sie den Seminarraum verlassen. Nehmen wir eine Lehrkraft, die künftig mehr offene Fragen stellen möchte. Ihr Plan klingt gut. Sie will weniger erklären und ihre Schülerinnen und Schüler stärker zum Nachdenken bringen. Am nächsten Morgen stellt sie eine offene Frage. Schweigen. Sie wartet drei Sekunden. Noch immer Schweigen. Dann meldet sich jemand und fragt, ob das prüfungsrelevant ist. Und schon erklärt sie wieder selbst.
Ist ihre neue Methode gescheitert? Nein. Aber offensichtlich war der Plan noch nicht ganz fertig. Was hätte geholfen? Zum Beispiel vorher zu überlegen, was passiert, wenn niemand antwortet. Vielleicht lässt sie die Lernenden zunächst zu zweit nachdenken. Vielleicht gibt sie bewusst mehr Zeit. Oder sie bereitet eine kleine Hilfsfrage vor. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Eine gute Planung berücksichtigt nicht nur, was wir tun möchten, sondern auch, was uns dabei in die Quere kommen könnte.
In der Psychologie spricht man unter anderem von Handlungsplanung und Bewältigungsplanung. Das klingt komplizierter, als es ist. Die erste beantwortet die Frage, wann und wie ich etwas umsetze. Die zweite beschäftigt sich damit, was ich mache, wenn es schwierig wird. Und beide gehören zusammen.
Ein Aussetzer ist noch keine gescheiterte Veränderung
Wir Menschen haben eine erstaunliche Begabung, aus einem einzelnen Fehler gleich eine Grundsatzentscheidung zu machen. Einmal das Training verpasst? „Ich bin einfach nicht konsequent.“ Einmal wieder ins alte Gesprächsmuster gefallen? „Ich kann das eben nicht.“ Zwei Tage nicht gelernt? „Jetzt lohnt es sich sowieso nicht mehr.“ Dabei lohnt sich ein genauerer Blick. Es macht einen Unterschied, ob jemand einmal von seinem Vorhaben abweicht, regelmäßig unter denselben Bedingungen scheitert oder die Sache vollständig aufgibt.
Ein Beispiel aus dem Sprachunterricht. Ein Teilnehmer hat gelernt, beim Sprechen kurze Pausen zu machen, statt jedes Zögern mit einem langen „Ääääh“ zu überbrücken. In der Partnerarbeit funktioniert das prima. In der mündlichen Prüfung ist das „Ääääh“ plötzlich wieder Stammgast. Braucht er jetzt noch eine Erklärung zur Pausentechnik? Vermutlich nicht. Er weiß längst, was er tun soll. Aber unter Prüfungsdruck gelingt ihm der Abruf noch nicht zuverlässig. Also üben wir genau das. Mit Zeitdruck, einer ungewohnten Frage und einer kleinen Strategie, an die er sich im entscheidenden Moment erinnern kann. Nicht immer muss mehr gelernt werden. Manchmal muss das Gelernte einfach unter realistischeren Bedingungen geübt werden.
Vier Dinge, die ich beim Planen berücksichtigen würde
1. Mach aus guten Vorsätzen konkrete Handlungen
„Ich möchte im Unterricht geduldiger werden.“ Schön. Und woran merken wir das am Dienstag um 10.15 Uhr? Viel hilfreicher wäre beispielsweise, sich vorzunehmen, nach einer Frage bewusst fünf Sekunden zu warten, bevor man selbst weiterspricht. Das kann man beobachten, das kann man üben und darüber kann man anschließend sprechen. Je konkreter die Handlung, desto leichter lässt sie sich im Alltag wiedererkennen.
2. Plane die Stolpersteine gleich mit ein
Wer kennt nicht den berühmten Vorsatz, ab sofort jeden Abend zwanzig Minuten zu lernen? Klingt vernünftig. Nur liegt zwischen Abendessen, Haushalt und Familienorganisation manchmal noch ein ganzer Hindernisparcours. Wenn eine Teilnehmerin deshalb nach wenigen Tagen aufgibt, fehlt ihr vielleicht nicht die Disziplin. Vielleicht fehlt ihr schlicht ein realistischer Zeitpunkt. Dann ist die Lösung nicht unbedingt ein noch motivierenderer Vortrag über Durchhaltevermögen. Vielleicht funktionieren zehn Minuten morgens besser oder drei feste Termine pro Woche. Ein Plan, der nur bei Sonnenschein funktioniert, ist für den Alltag ziemlich unpraktisch.
3. Übe nicht nur die Methode, sondern auch den schwierigen Moment
In meinen Trainings interessiert mich nicht nur, ob jemand etwas verstanden hat. Ich möchte wissen, ob die Person damit später auch etwas anfangen kann. Deshalb lohnt es sich, Situationen einzubauen, die nicht ganz so glattlaufen. Was macht die Führungskraft, wenn ihr Gegenüber nicht kooperiert? Was macht die Lehrkraft, wenn die Gruppe unruhig wird? Was macht ein Sprachlernender, wenn ihm mitten im Satz ein Wort fehlt? Nicht jede Übung braucht künstlichen Stress. Aber wenn wir ausschließlich unter perfekten Bedingungen trainieren, sollten wir uns nicht wundern, wenn die Wirklichkeit anschließend andere Spielregeln hat.
4. Bereite den Wiedereinstieg vor, nicht die Selbstvorwürfe
Jetzt wird es besonders interessant. Wir können nämlich nicht jeden Aussetzer verhindern. Aber wir können vorbereiten, wie jemand damit umgeht. Eine Teilnehmerin hat ihre Übung drei Tage lang nicht gemacht. Statt zu fragen, warum sie schon wieder nicht konsequent war, könnten wir fragen, wann sie realistisch wieder anfangen kann und was sie dafür verändern muss. Eine Lehrkraft hat ihre neue Methode in einer Stunde nicht eingesetzt. Was war in dieser Stunde anders? Wann wäre die nächste gute Gelegenheit? Was könnte sie vereinfachen?
Damit beschäftigen wir uns nicht mehr mit dem vergangenen Fehler, sondern mit der nächsten möglichen Handlung. Und genau darum geht es beim sogenannten Rückfallmanagement beim Lernen. Nicht um endlose Fehleranalysen, sondern darum, nach einem Aussetzer wieder handlungsfähig zu werden.
Eine kleine Übung für deinen nächsten Workshop
Du brauchst dafür keine zusätzliche Trainingseinheit und auch keine siebzehnseitige Reflexionsvorlage. Lass deine Teilnehmenden am Ende eines Seminars drei Sätze vervollständigen.
Das werde ich ausprobieren. „In meiner nächsten Teamsitzung stelle ich zuerst eine Rückfrage, bevor ich auf Kritik reagiere.“
Schwierig wird es wahrscheinlich, wenn … „… ich mich persönlich angegriffen fühle.“
Dann werde ich … „… zunächst kurz durchatmen und fragen, was genau mein Gegenüber meint.“
Schon haben wir mehr als einen guten Vorsatz. Wir haben eine konkrete Handlung, eine erwartbare Schwierigkeit und eine vorbereitete Reaktion. Natürlich garantiert das keinen Erfolg. Aber es macht den Plan deutlich brauchbarer. Noch besser wird es, wenn du die schwierige Situation gleich im Workshop ausprobieren lässt. Und bei der nächsten Begegnung fragst du nicht einfach, ob es geklappt hat, sondern was tatsächlich passiert ist. Genau aus solchen Erfahrungen entsteht Lernen, das über das Seminar hinausgeht.
Achtung, nicht jedes Problem lässt sich wegtrainieren
Es gibt allerdings eine Grenze, die mir wichtig ist. Nicht alles, was nach fehlendem Durchhaltevermögen aussieht, ist ein individuelles Problem. Wenn eine Führungskraft in einer Besprechung berechtigterweise Nachteile befürchtet, weil sie offen widerspricht, ist eine neue Gesprächstechnik allein keine Lösung. Wenn eine Lehrkraft keine Zeit für die Vorbereitung einer Methode bekommt, hilft auch der schönste Wenn-dann-Plan wenig. Und wenn ein Lernziel überhaupt nicht mehr sinnvoll ist, müssen wir nicht krampfhaft daran festhalten. Manchmal braucht es bessere Rahmenbedingungen. Manchmal ein anderes Ziel. Und manchmal ist Aufhören tatsächlich die vernünftigere Entscheidung.
Was sagt die Forschung dazu?
Die Unterscheidung zwischen Handlungsplanung und Bewältigungsplanung ist wissenschaftlich untersucht worden. So beschäftigten sich Sniehotta und Kolleg (2005) damit, wie Menschen nach einer kardiologischen Rehabilitation körperliche Aktivität in ihren Alltag integrieren. Dabei ging es unter anderem um konkrete Planung und den Umgang mit erwartbaren Hindernissen. Untersuchungen von ten Broeke und Adriaanse (2023) zeigen im Bereich alltäglicher Verhaltensänderungen, dass Rückschläge und die Überzeugung, eine Aufgabe bewältigen zu können, miteinander zusammenhängen. Brandstätter und Bernecker (2022) beschäftigen sich wiederum mit der Frage, wann es sinnvoll ist, an Zielen festzuhalten und wann wir sie besser verändern oder aufgeben. Das sind keine fertigen Unterrichtsrezepte. Die Forschung stammt teilweise aus anderen Anwendungsfeldern. Sie liefert uns aber interessante Anregungen, die wir auf Unterricht, Training und Weiterbildung übertragen und dort überprüfen können.
Mein Fazit – Plan A darf ruhig schlauer werden
Wenn Teilnehmende nach einem Seminar nicht alles so umsetzen, wie sie es sich vorgenommen haben, heißt das nicht automatisch, dass sie nichts gelernt haben. Vielleicht war die Situation schwieriger als erwartet. Vielleicht fehlte noch Übung. Vielleicht passte der Plan schlicht nicht zum Alltag. Für uns als Lehrkräfte und Trainer steckt genau darin eine wichtige Aufgabe. Nicht nur Wissen vermitteln und Methoden üben, sondern gemeinsam überlegen, wie das Gelernte dort funktioniert, wo wir nicht mehr danebenstehen.
Und wenn es beim ersten Versuch nicht klappt? Dann schauen wir genauer hin, verändern eine Stellschraube und probieren es erneut. Denn einen guten Plan A erkennt man nicht daran, dass niemals etwas schiefgeht. Sondern daran, dass man auch dann noch weiß, wie es weitergeht. Und vielleicht sollten wir deshalb am Ende unserer Seminare nicht nur fragen, was die Teilnehmenden mitnehmen, sondern auch, was ihnen am Montagmorgen dazwischenkommen könnte. Denn der Montag kommt. Garantiert.
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Literatur
Sniehotta et al. (2005): Längsschnittstudie zu Handlungs- und Bewältigungsplanung bei körperlicher Aktivität nach kardiologischer Rehabilitation. https://doi.org/10.1002/ejsp.258
Sniehotta et al. (2005): Studie zum Zusammenspiel von Planung, Selbstwirksamkeit und Handlungskontrolle bei körperlicher Aktivität. https://doi.org/10.1080/08870440512331317670
ten Broeke & Adriaanse (2023): Studien zu Rückschlägen, Selbstwirksamkeit und weiterem Verhalten in alltagsbezogenen Selbstregulationsbereichen. https://doi.org/10.1002/ejsp.2931
Brandstätter & Bernecker (2022): Review zu Beharrlichkeit, Zielanpassung und angemessenem Loslassen von Zielen. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-020821-110710