Als ich ganz klein war, half mir meine Mutter mit einem Trick, wie ich mir besser merken konnte, wo rechts und wo links ist. Ich hatte in der rechten Hand einen Leberfleck und sie meinte ich solle einfach immer die Hände danach absuchen, dass wüsste ich immer, wo rechts ist. Noch immer schaue ich in meine Hand. Das Problem ist, dass der Leberfleck weg ist. Und beim Tanzen kann ich nicht jedes Mal meinen Arm runternehmen, um das zu überprüfen. Ich tue mich also etwas schwer damit. Man könnte sagen, ich habe eine Rechts-Links-Schwäche. Damit bin ich nicht allein. 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung tut sich schwer, links und rechts zu unterscheiden.

Haben mehr Frauen eine Links-Rechts-Schwäche als Männer?

Immer wieder taucht dabei die Aussage auf, dass Frauen davon öfter betroffen sind als Männer. Wissenschaftliche Studien finden dafür keine Belege. Ein Test mit Studierenden der medizinischen Fakultät der Queens Universität in Belfast zeigte fast gleiche Ergebnisse bei der Rechts-Links-Zuordnung bei Männern und Frauen (nur 4 Prozent Unterschied). Auch der Leipziger Kognitionspsychologe Daniel Haun konnte keinen Geschlechtseffekt feststellen, obwohl er viele Versuchsgruppen unterschiedlichen Alters und Herkunft untersucht hatte. Also mit diesem Argument sollten wir Frauen also auch nicht mehr kokettieren.

Viele Naturvölker kennen links und rechts nicht

Jetzt wird es ultraspannend – zumindest für alle die, die die folgenden Fakten noch nicht kennen:

In westlichen Kulturen beschreiben wir Dinge meist vom eigenen Standpunkt aus. „Das Handy liegt links von mir.“ Die Einordnung in links und rechts ist nicht intuitiv, wir müssen sie erlernen. Angeboren ist allerdings die allozentrische Sicht, bei der wir uns nach den Himmelsrichtungen und der Umgebung orientieren – ganz unabhängig von unserem Selbst. In manchen Kulturen, vor allem bei Naturvölkern gibt es bis heute keine Links-Rechts-Ausrichtung. Sie würden da eher so etwas sagen, wie „Komm mal ein bisschen mehr nach Osten.!“ Oder „Du hast da einen Fleck auf deinem westlichen Arm.“ Sie haben immer einen funktionierenden Kompass im Gehirn.

Wie Kinder links und rechts unterscheiden

Auch Menschenaffen und westliche Kinder unter fünf orientieren sich so. Es fällt ihnen sehr leicht, wenn man ihnen beibringt, wo Süden und Norden ist, sich danach auszurichten und sie machen kaum Fehler dabei. Als die Menschen anfingen, in Städten zu wohnen, wurde es zunehmend egal, wo z.B. Westen ist. Viel wichtiger war die Orientierung zwischen den einzelnen Häuserwänden. Den Horizont sah man eh nicht mehr vollkommen. Dadurch hat sich das Links-Rechts-System entwickelt. In einem Experiment wurde auch deutlich, warum dies genauso wichtig ist: Drei- und vierjährige sollten sich die Position von Figuren auf einem Spielbrett merken, wenn sie sich selbst im Raum bewegten. Das war gar kein Problem für sie. Aber dann wurde das Spielbrett gedreht und die Figuren passten nicht mehr zu der Umgebung. Die Fünfjährigen hatten jedoch bereits angefangen, links und rechts zu unterscheiden und konnten diese Sichtweise anwenden und dadurch auch auf die veränderte Situation reagieren.

Diese egozentrische Blickweise jedoch verwirrt das Gehirn, denn es ist ein ganz anderes System. Bei links und rechts denke ich vom Körper aus - nicht mehr von der Umgebung. Wenn ich mich um 180 Grad drehe, vergleiche ich meinen Körper mit der Lage des Objekts – eine egozentrische Blickrichtung, die dazu führt, dass ein Überlagerungsprozess im Gehirn passiert. Der natürliche Orientierungssinn über die Himmelsrichtungen und Umgebung wird abgelöst von einer Rechts-Links-Strategie. Und dafür benötigen wir Jahre. Mit sechs kann ich das erst direkt am eigenen Körper wirklich unterscheiden und erst mit elf kann ich sicher entscheiden, ob mein Handy links oder rechts neben dem Buch liegt.

Wieso kann ich im Erwachsenenalter dann trotzdem nicht gut rechts von links unterscheiden?

Die egozentrische Wahrnehmung ist sehr ungenau und wir müssen jede Lage in der Großraumrinde – dem Ort der Orientierung im Gehirn – vielfach memorisieren. (Du willst das alles noch viel genauer wissen, dann schau dir hier den sehr ausführlichen Artikel zur Thematik auf der Wissenschaften-Seite an).

Wenn wir als Kind aber Entwicklungsstufen übersprungen haben und bestimmte Bewegungen nicht ausreichend geübt haben, kann sich eine Links-Rechts-Schwäche ausbilden. Dazu gehören z.B. das Hin- und Herwiegen im Arm der Eltern, das Robben, Krabbeln, Rollen etc. Und dann kann es zu solch fatalen Fehlern kommen wie das Amputieren des falschen Arms etc. Gerade in den Kliniken gibt es so viele mentale 180-Grad-Rotationen, wie z. B. wenn das Röntgenbild falschrum aufgehängt wurde oder die Rücken-statt de Bauchlage eingenommen wird. All das ist fehleranfällig.

Was kann ich gegen die Links-Rechts-Schwäche tun?

Ich bin nicht dümmer, nur weil ich rechts und links schlechter unterscheiden kann, aber die Thematik kann lästig, im Straßenverkehr oder der Medizin sogar fahrlässig und natürlich auch peinlich sein. Deshalb ist es gut, daran zu arbeiten. Mit ein paar effektiven Übungen löst sich Vieles auf.

  1. Tipp: Rückwärtslaufen: Es ist erstaunlich, wie viel Blockaden sich im Gehirn lösen, wenn man täglich bis zu fünf Minuten – am besten in einer liegenden Acht rückwärts läuft. Unbedingt ausprobieren.
  2. Mnemotechniken wie der anfangs beschriebene Leberfleck können hilfreich sein. Vielleicht gibt es ja eine Narbe oder Ähnliches oder ein bestimmter Ring oder die Uhr. All das hilft.
  3. Wenn Sie die Arme ausstrecken und alle Finger spreizen, entsteht nur links ein „L“.
  4. Machen Sie viele Überkreuzbewegungen: Linke Hand zum rechten Knie, rechter Daumen zur linken Schulter, etc.
  5. Auch wenn es anstrengend ist: Laufen Sie im Vierfüßlerstand. Das schult die räumliche Wahrnehmung.

Bild für canva: @malerapaso von Getty Images Signature